Lockdown in der Provinz

Es ist garstiges Wetter. Der Sturm tobt ums Haus, und immer wieder fegt Regen über die Ebene. Seit einer Weile ist es oft richtig kalt. Als die Weissen Berge gestern nach mehreren Tagen wieder einmal aus den Wolken auftauchten, waren ihre Gipfel mit Schnee bedeckt.

Seit dem 7. November gilt in Griechenland ein strenger Lockdown – καραντίνα, Quarantäne, wie es hier heisst. Die Menschen dürfen die Häuser nur verlassen, um zur Arbeit zu gehen, oder wenn sie vorher ein SMS an die zuständige staatliche Behörde geschickt und eine Ausgeherlaubnis erhalten haben. Und die gibt es nur dann, wenn sie a) in die Apotheke oder zum Arzt gehen, b) lebensnotwendige Dinge einkaufen müssen, c) ein öffentliches Amt wie eine Bank oder eine Post aufsuchen wollen, d) Hilfsbedürftige unterstützen, e) an eine Beerdigung müssen oder sich f) zur körperlichen Ertüchtigung oder zum Spazieren mit einem Haustier draussen bewegen – natürlich höchstens zu zweit. Ausdrücklich unter keinen dieser Punkte fallen Fischen und Jagen. Beides ist unbedingt zu unterlassen. Alle Schulen und Bildungseinrichtungen sind geschlossen, ebenso Theater, Kinos, Restaurants, Cafés, Bars und Spielplätze. Gottesdienste werden offenbar gefeiert, jedoch nur in Anwesenheit des Liturgen und des notwendigen „Hilfspersonals“, also des Sigristen und der Psalmensänger, aber ohne Gemeinde.

Es hat durchaus seine Vorteile, wenn man sich ganz am Rand eines Landes befindet. Hier in der südkretischen Provinz herrschen eigene Regeln. Zusammen einen Kaffee oder einen Schnaps zu trinken, wird von der Dorfgemeinschaft in stillschweigender Übereinkunft als Menschenrecht betrachtet. Und so vergeht kein Tag, an dem nicht hier und da gesellige Runden zusammenkommen. Maske habe ich schon lange keine mehr gesehen, und eine Ausgeherlaubnis holt sich hier unten kein Mensch ein. Wenn die Oliven geerntet sind, wird zum Zeitvertrieb gerne gefischt. Und von den Berghängen hallen Schüsse wider – wer liesse sich sein Jagdvergnügen schon wegen einer läppischen Vorschrift nehmen?

Wer aber über die Berge will, muss sich dem griechischen Gesetz wohl oder übel fügen. Da das SMS, um den Ausgang zu beantragen, nur von griechischen Telefonnummern gesandt werden kann und wir bei uns zu Hause ohne Strom und Internet auch nicht das Online-Formular per Mail schicken können, greifen wir auf die letzte Variante zurück: Das handgeschriebene Ausgeh-Formular, χειρόγραφη βεβαίωση. So eine Ironie: Wir stellen uns gegenseitig Zettel aus, die uns erlauben, das Haus zu verlassen!

Schwierig ist die Situation für Schulkinder und ihre Eltern. Anfangs sollten immerhin die Grundschulen offen bleiben, doch dann wurden auch diese geschlossen. Da viele Familien nicht über einen – geschweige denn über mehrere – Computer verfügen, sollten die Kinder in ganz Griechenland via Fernseher durch eine Lehrerin tele-unterrichtet werden. Die Probleme beginnen dabei nicht erst bei pädagogischen und didaktischen Fragen. Offenbar ist der Sender gar nicht erst zu finden. Und in die Verzweiflung über dicke Bündel schlecht fotokopierter Hausaufgaben mischt sich bei vielen Eltern tiefe Sorge um die Bildung und Zukunft ihrer Kinder.

Nicht nur wegen des Lockdown, sondern auch wegen des Wetters und weil hier unten um diese Jahreszeit ohnehin nichts los ist, ist unser Radius sehr klein geworden. Jetzt, wo die Oliven geerntet sind, schneiden wir die Bäume. Es ist eine schöne Arbeit, diesen struppigen Gesellen wieder eine ansehnliche Form zu geben. Bei unseren Spaziergängen und Wanderungen denken wir meist gar nicht mehr daran, dass wir eigentlich illegal unterwegs sind. Vermutlich sind wir hier im Moment am besten Ort Griechenlands, wenn nicht sogar ganz Europas.

2 Kommentare zu „Lockdown in der Provinz

  1. Moin Nadja, wunderbarer Bericht über die aktuelle Zeit in der Sfakia („Hier in der südkretischen Provinz herrschen eigene Regeln.“). Ich bin ein paar Tage vor dem Lockdown wieder nach Hamburg geflogen.

    Offiziell ist die Sfakia immer noch Coronafrei – gab es seit der Pandemie keinen Fall in der Sfakia.

    Mein Beobachtungen Ende Oktober in der Sfakia: In den meisten Tavernen trugen die Kellner Masken (in einigen aber auch nicht). Tische stehen weiter auseinander – aufgrund von Corona und Ende Oktober/ Ende der Saison, sind die Tavernen eh nicht besonders voll gewesen. Desinfektionsmittel standen an jeder Ecke, auch in den Unterkünften. Es gab auch vereinzelt Kontrollen und die Taverne mussten ihre Hygieneschutzmaßnahmen erklären. An den Stränden ist es eh kein Problem gewesen, genügend Abstand zu halten. Auch die Busfahrer hatten eine Maske auf.

    Ich bin auch 3 Tage in Ammoudari/Askifou gewesen, habe dort jeden Abend 2 Kafenea besucht. Dort waren wohl alle immun gegen Corona – oder die Menschen wussten nichts von Corona….. Die Gäste (auch eine Parea) saßen alle dicht zusammen, keine Masken beim Wirt, keine Desinfektionsmittel oder sonstige Schutzvorrichtungen.

    In Ammoudari im Supermarkt, ich hatte meine Maske vergessen – wurde ich sogar von der Besitzerin ermahnt. In der Taverne in Asfendou auch keine Vorsichtmaßnahmen. Ich fand’s ok – der Raki hat wohl alles desinfiziert.

    Auch Trampen war kein Problem.

    Mein Eindruck: in Sougia wurde schon verantwortungsvoll mit der Situation umgegangen. Die Situation war aber allgemein entspannter und erträglicher als in Hamburg. Immer an der frischen Luft, leichter Wind und Sonne, viel in der Natur gewesen und natürlich viel weniger Menschen.

    Ein ganz anderes Bild in Heraklion: hier war die Hölle los – wie bei uns zu Weihnachten in den Haupteinkaufsstraßen. Alle Cafés abends proppenvoll mir jungen Leuten – von den Gästen niemand mit Masken.

    kaló cheimóna, kv

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