Die andere Seite der Ägäis

Hinter uns Europa, vor uns Asien – Kleinasien, immerhin. Soeben hat die Fähre in Gelibolu abgelegt, und jetzt fahren wir über die Dardanellen, den Hellespont, jene Meerenge also, welche die Ägäis mit dem Marmarameer verbindet. Eine gigantische Hängebrücke befindet sich im Bau. In wenigen Jahren soll eine Strasse die beiden Kontinente verbinden. Doch viel mehr als das monumentale Werk begeistern uns die Delfine, die plötzlich auftauchen und unser Schiff eine Weile begleiten. Ich nehme sie als gutes Zeichen für unsere Reise.

Unsere erste Station an der kleinasiatischen Küste ist Assos. Auf einem komplett heruntergekommenen Campingplatz neben dem Hafen stellen wir als einzige Gäste unser Zelt auf. Es ist ein ruhiger und friedlicher Ort am Meer, aber Rosa und Stella fürchten sich vor den verlotterten Camping-Häuschen, sind anhänglich und bleiben nahe beim Zelt. Lesbos ist zum Greifen nahe. Die ganze Nacht schwebt das Brummen von Schiffsmotoren über dem Wasser. Sind es Fischerboote? Oder sind es die Schiffe der Küstenwache und privater Grenzschutz-Agenturen, die Flüchtlinge daran hindern sollen, mit Booten nach Europa zu gelangen? Ist genau das hier einer der Strände, an denen die Flüchtenden in die Boote steigen? So schön dieser Ort ist – ich kann das Elend, die Not, die Tragödien und Verbrechen, die diesem Stück Meer anhaften, nicht ausblenden.

Zum Greifen nah und doch so fern, bewacht von roten Booten,
liegt wie von einem andern Stern
die Insel dort der Toten.

Die Hoffnung mischt sich mit dem Schrei,
die Klage mit dem Bangen.
Nur übers Meer, dann sind sie frei, schon naht die Uferpolizei,
ertränkt wird das Verlangen.

Daniel

In der antiken Stadt Assos bewundern wir ausgiebig die Schildkröten, die hier gemütlich herumspazieren und staunen über die Schafe, die ganz selbstverständlich mitten in der Ausgrabung grasen. Die Türken pflegen offensichtlich einen sehr unbefangenen und pragmatischen Umgang mit dem antiken Erbe. Es liegen so unendlich viele alte Steine, Säulen, Ziegel, Tonscherben und Friese herum, dass sie bis heute gut und gerne für den Bau neuer Mauern, Häuser und Ställe verwendet werden. Hier, im antiken Assos, gelingt uns ausserdem, was sonst wohl kaum ein Tourist je geschafft hat: Nachdem wir zwei Stunden lang herumgewandert sind, merken wir, dass wir den Athene-Tempel zuoberst auf dem Berg – das Wahrzeichen des Orts! – leider verpasst haben.

Dann Ayvalik, Αϊβαλί. Über einen Hügel und vorbei an mächtigen Pinien fahren wir hinunter ans Meer, in die einst grösste griechische Stadt an der östlichen Ägäisküste. Noch Ende des 19. Jahrhunderts lebten hier fast ausschliesslich Griechen. Beim Bevölkerungsaustausch von 1922 wurden über 20’000 Menschen nach Griechenland umgesiedelt. Bist heute empfinden viele Griechen diese Stadt als schmerzhaft verlorene Heimat, die sie in ihren Liedern besingen. Nicht zuletzt wegen des Verlusts von Αϊβαλί bleibt der Bevölkerungsaustausch Griechinnen und Griechen als Kleinasiatische Katastrophe in Erinnerung. Im Gegenzug wurden hier griechische Muslime, insbesondere aus Kreta, angesiedelt. Als Daniel in einer Bäckerei Brot und Sesamringe kaufen will und dabei das Wort Koulouri, κουλούρι braucht, spricht der Bäcker sofort griechisch weiter. Seine Vorfahren kommen aus Chania.

Ayvalik bezaubert mich vom ersten Augenblick an. Nie zuvor habe ich eine Altstadt wie diese gesehen! Fast endlos erstrecken sich hier Gassen, Gässlein und Häuser, manchmal osmanische mit vorspringenden Erkern, meistens aber schlichte griechische. Es ist die Altstadt von Chania, die Plaka und die Ano Poli von Thessaloniki in einem – einfach viel, viel grösser. Viele Häuser sind restauriert doch dazwischen gibt es immer noch verfallene – sie sehen aus, als warteten sie bis heute auf die Rückkehr ihrer einstigen Bewohner.

Die Kirchen der Stadt wurden nach der Umsiedlung der Christen umfunktioniert. Die Taxiarchis-Kirche wird heute als Museum unterhalten. Die Moschee Hayrettin Paşa Cami war früher eine Marienkirche, und die Kirche des Heiligen Georg ist heute als Çınarlı Cami bekannt. Als wir in den Hof schauen und überlegen, ob wir wohl hinein dürfen, kommt ein freundlicher Mann vom Marktstand nebenan mit dem Schlüssel. Er öffnet die Türe, wir ziehen die Schuhe aus und dürfen dann die Moschee erkunden. Lustig ist, dass die Ausrichtung des Kirchenschiffs nach Osten nicht ganz mit der muslimischen Gebetsrichtung Mekka übereinstimmt. So musste der Teppich ganz schräg im Raum verlegt werden. Trotzdem hat der Ort eine stimmige, friedliche Ausstrahlung. Gut, denke ich, gut, dass diese Kirche nicht einfach verlotterte, sondern weiterhin ein Ort des Gebets ist. Der Kollege des Mannes mit dem Schlüssel hat unterdessen draussen unseren Milobär gehütet und sich mit ihm angefreundet. Süper Milo! sagt er, als er uns den Pudel wieder zurückgibt.

Unsere vorläufig letzte Station an der östlichen Ägäisküste ist Ephesos. Weil wir dazu unser Auto brauchen, mieten wir eine Unterkunft in Kusadasi. Der Vermieter platziert uns kurzerhand in einem anderen Haus als wir dachten, und wir staunen nicht schlecht, als wir die Wohnung betreten: Wir sind im obersten Stock eines neuen Blocks über der Marina gelandet, die Panorama-Glasfront gibt den Blick über die Bucht und die ganze Stadt frei. Also gut – auch darauf können wir uns für einige Tage einlassen.

Was für ein Ort! Ephesos ist eine andere Welt. Ephesos ist gewaltig. Und wir haben es ganz für uns allein. Sogar unser Milobär darf mit zur Besichtigung. Rosa und Stella klettern munter im Amphitheater herum, die grossartige Akustik lädt zum Jodeln ein, und so jutzen Daniel und ich ungestört und fröhlich in die antike Stadt hinaus. Mehrere Stunden lang wandern wir über Strassen, durch noble Wohnhäuser und die Celsus-Bibliothek, über die Agora, an Säulen und Statuen vorbei, es will kein Ende nehmen. Wenn uns nicht am frühen Nachmittag Hunger und Müdigkeit zurück getrieben hätten, wären wir vielleicht immer noch dort.

Kusadasi zeigt sich von seiner besten Seite: Eine angenehme Stadt in der Grösse von Bern mit einer kilometerlangen Meerpromenade, einer wunderschön restaurierten Karavanserei, und einer grossen Fussgängerzone, wo die Männer vor den Cafés und Geschäften Tavli spielen. Heute, wo hier die meisten Geschäfte noch geschlossen sind, ist es beinahe unvorstellbar, dass hier während der Saison rund vier Kreuzfahrtschiffe pro Tag anlegen und sich Millionen von Touristen tummeln. Jetzt ist alles ruhig. Wir können gemütlich spazieren, erkunden die unzähligen Spielplätze dieser Stadt und laufen über den Damm zu der byzantinischen Festung auf der Taubeninsel. Und am Abend – Internet sei Dank, gibt es für Daniel und mich seit Monaten endlich wieder einmal einen Tatort auf dem Laptop. Trotzdem: Uns und unseren beiden Draussenkindern fehlen die Natur, die Steine unter den Füssen, die Tiere. Es ist Zeit, wieder im Dachzelt zu reisen!

3 Kommentare zu „Die andere Seite der Ägäis

  1. Liebe Familie, mit grossem Interesse lese ich jeweils eure Reiseberichte, die gespickt sind mit viel guter Musik und glasklarem Gesang oder Jodel. Ihr seid Mulittalente! Gute Reise und viel Freude bei den gemeinsamen Erlebnissen! Mit Vorfreude auf die nächste Sendung und herzlichen Grüssen aus Hifi, Elisabeth

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  2. Liebe Nadja und Familie
    Allerbesten Dank für diesen wunderschönen Reisebericht aus der Türkei. Sehr interessant und für mich aufschlussreich, wo sich all die Orte befinden, von denen ich zwar dem Namen nach einige kenne, aber wie es dort aussieht, zeigt nun der Bericht, auch wie es sich dort so lebt. Freue mich bereits auf den nächsten Bericht, der uns sicher weitere interessante Orte zeigen wird.
    Wünsche alles Gute und bleibt gesund.
    Ä Gruess, Thomas.

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