Leben mit Schafen

Schafe – sie begleiten uns schon den ganzen Winter. Mit ihrem leisen Geblöke schlafen wir abends ein, und am Morgen sind ihre Glocken das erste was wir hören. Wir geniessen die Graviéra, den Schafskäse aus der Käserei im benachbarten Dorf Vouvás, und manchmal landet ein Stück Lammfleisch auf unserem Teller – ebenfalls ein Genuss. Wir begegnen ihnen auf unseren Wanderungen auf Schritt und Tritt, sie weiden, sie rennen, sie stehen, sie fliehen, sie schauen uns an. Schafe drängen sich in Daniels Gedichte und ich habe angefangen, sie zu malen.

Auch jetzt sind wir wieder zu Fuss unterwegs. Ich bemerke Manouso erst, als ich fast vor ihm stehe. Er sitzt am Wegrand, den gekrümmten Stab in der Hand, einen breitkrempigenHut auf dem Kopf, und verschmilzt beinahe mit den Steinen und dem stachligen Gestrüpp des Feldes. Hinter ihm stehen zwischen Johannisbrotbäumen seine Schafe. Τι κάνεις; – Wie geht es dir?, frage ich – hier die übliche Begrüssung, auf die meist keine Antwort erwartet wird und auch keine folgt. Er aber sagt: Κούραση, Νάντια. – Müde bin ich, Nadja. Und er erzählt von seiner Arbeit mit den Schafen und Lämmern, von langen Tagen auf dem Feld, vom Melken, von Subventionen und Futterpreisen. Endlich erfahre ich mehr über die Tiere, die diese Insel zu Tausenden bevölkern.

Der grüne Acker ist verziert
mit einem weissen Band.
Die weiche Hundertschaft spaziert
als Schnur schräg übers Land.

Kopf an Schwanz im gleichen Schritt,
kein Drängeln, kein Geschrei.
Nur ein Schaf, das macht nicht mit,
es läuft zurück mit festem Tritt,
ganz ruhig und ganz frei.

Daniel

Fast neun Millionen Schafe gibt es in Griechenland, davon beinahe zwei Millionen auf Kreta. Hübsch sind sie nicht, die hiesigen Schafe. Sie haben kahle Köpfe, die immer schon ein wenig an Totenschädel erinnern, eine gebogene Nase und einen zottigen Pelz, der mit dem wolligen Fell von Schweizer Schafen nichts gemein hat. Die Rasse heisst nach der Gegend hier Sfakiano. Vermutlich im Mittelalter unter venezianischer Herrschaft aus Italien hierher gebracht, sind die Tiere an die hiesigen Bedingungen perfekt angepasst: Sie ertragen die kaltnassen Winter ebenso wie die Sommerhitze, sind genügsam und geben mit 150 kg pro Saison dennoch ordentlich Milch. Fleisch ist nicht viel dran an den Lämmern, aber es ist schmackhaft.

Schon sein Vater und sein Grossvater seien Schäfer gewesen, erzählt Manousos. Er kennt die Arbeit mit den Tieren seit seiner Kindheit. Anstrengend sei es, wenn die Jungen zur Welt kommen. Dann müsse man dabei sein, manchmal tage-, ja nächtelang. Innert sechs, sieben Stunden müssen die Kleinen Milch trinken, sonst haben sie keine Chance. Die meisten Schafe bringen ein bis zwei Lämmer zur Welt. Ein gutes, starkes Schaf kann zwei säugen, mehr nicht. Wenn es mehr sind und ein Kleines krank oder zu schwach ist, lässt die Herde es zurück und das Mutterschaf kümmert sich um das stärkere Junge. Nur manchmal, gibt Manousos zu, manchmal habe er Mitleid, und dann ziehe er ein Lamm mit der Flasche auf. Und ich hoffe auf jeder unserer Wanderungen, dass wir nicht wieder auf ein halblebendiges Lämmlein treffen und dann nicht wissen, was zu tun ist.

Seit Griechenland zur EU gehört, werden die Viehhalter subventioniert. Im Moment habe er fünfzig Mutterschafe und fünfzig Lämmer, sagt Manousos. Eigentlich wolle er gar nicht so viele Tiere, weniger wären ihm lieber. Doch wie die meisten Bauern hier lebt auch er vom Geld des griechischen Staates und der Europäischen Union. Und um die Subvention zu erhalten, muss er das Minimum von fünfzig Tieren erreichen. Später, beim Kaffee, versuche ich herauszufinden, wie viel Geld denn eigentlich ausgezahlt wird. Doch die Männer lassen sich ungern in die Karten schauen. Warum willst du das wissen, willst du dir jetzt auch Schafe zulegen? Je mehr Schafe, desto mehr Geld, lautet die einfache Formel. Der Tierbestand ist hier in den vergangenen Jahrzehnten denn auch entsprechend angewachsen: Heute leben auf Kreta doppelt so viele Schafe wie vor Griechenlands EU-Beitritt im Jahr 1981. Die karge Vegetation vermag den Futterbedarf der Schafherden längst nicht mehr abzudecken. Die Tiere streifen übers Land und durch die Berge, fressen Gras, Büsche und Bäume ab und stellen ein ernsthaftes Problem für Böden und Pflanzen dar. Die Bauern kaufen sackweise importiertes Trockenfutter ein, eine Mischung aus Mais, Weizenkleie, Sonnenblumenkernen und Getreide.

Wenn sie etwa zwei Monate alt sind, werden die Lämmer von den Müttern getrennt. Die Schafe schauen verständnislos zu, wie die Kleinen auf Pick-Ups geladen werden, und die Kleinen blöken erbärmlich. Einen Moment lang will ich nie wieder Fleisch essen. Einige Tiere werden an die lokalen Metzgereien verkauft, andere an die Nordküste Kretas und aufs Festland transportiert. Dieses Jahr erhalte er für seine Lämmer nur wenig Geld, klagt Manousos. An Weihnachten konnten die Familien wegen Corona nicht gemeinsam feiern und essen. Ausserdem ist Ostern heuer erst spät, und bis dahin müssen die jungen Tiere gefüttert werden. Auch das drückt die Preise.

Die Arbeit ist hart, das Futter wird immer teurer, und so bleibt von den Subventionen für Menschen wie Manousos am Ende nicht viel zum Leben übrig. Wirst du trotzdem weitermachen, frage ich ihn, mit den Schafen? Er wiegt den Kopf hin und her und sagt dann: Das, was du tust, das musst du gerne tun, sonst hörst du auf. Ich kenne Leute, die haben irgendwann ihre Schafe verkauft, aber es ging nie lange und sie fingen wieder an. Weisst du, in diese Arbeit wurde ich hineingeboren, und mit dieser Arbeit werde ich sterben.

8 Kommentare zu „Leben mit Schafen

  1. Liebe Nadja danke für den schönen Text. Ich war noch nie in Griechenland aber nach dieser Schilderung habe ich einen lebhaften Eindruck. Wie lange wird sich diese Lebensweise noch erhalten können?

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  2. Moin, “ Warum willst du das wissen, willst du dir jetzt auch Schafe zulegen? „, in Griechenland bekommen die Subventionen nur Griechen/Kreter. Als Deutscher, Schweizer, Österreicher bekommst du keine Subventionen.

    Auch für jeden Olivenbaum gibt es Subventionen.

    Ta Leme, kv

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  3. Nadja, wenn Du Schafe so toll malen, ja richtig portraitieren kannst, dann gelingen Dir doch bestimmt auch passendere Hintergründe! Warum diese „Tapeten“? Trotzdem großes Kompliment.
    Liebe Grüße
    Brigitte

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  4. Guten Tag Familie Heimlicher und Inniger
    Mit Freude habe ich all die Kommentare, Beiträge und Bilder gelesen und betrachtet und auch die Musik gehört. Ich kann euer Interesse und eure Freude am griechischen Leben sehr gut verstehen. Ich war sieben mal in Griechenland und da auf sechs verschiedenen Inseln. Es war für mein Herz und mein Gemüt das Beste was es gibt. Wer dieses Land noch nie erlebt hat, der oder die hat im Leben noch was nachzuholen. Leider kann ich nur ein paar wenige Worte auf Griechisch. Ein Spruch heisst: Mens sana in corpore sano. Und dann noch das mit „guten Tag, guten Abend und gute Nacht“. Aber auch Danke = ευχαριστώ!
    Wünsche euch allen alles Gute, viel Freude und auch Kraft für die kommenden Wochen und Monate.
    Thomas Hochstrasser
    Ach ja, wer ich bin? Ich bin der Vizepräsident des Kirchlichen Bezirks Mittelland Süd.

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  5. Liebe Familie
    Da ging was daneben, wofür ich mich entschuldige.
    Daniel heisst nicht Inniger sondern Infanger und der Spruch ist kein griechischer Spruch, sondern Latein. Ja, so kann man sich irren, wenn man schnell was machen will!
    Freundliche Grüsse
    Th. Hochstrasser

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  6. Bundesterrasse in Bern. Ein Grossvater gibt seinem Enkel eine Einführung in die Bundespolitik und meint zum Schluss: «Man könnte sagen: Die Tröge bleiben stets dieselben – nur die Schweine wechseln.»

    @ Brigitte Scharnke: Bei Nadjas Bildern ist es gerade umgekehrt: «Die Schafe bleiben stets dieselben – nur die Tapeten wechseln.»

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