Frühlingserwachen

Leise, aber mit mit urwüchsiger Kraft, bahnt sich der Frühling seinen Weg ins Land. Wo es vorher winterlich grün war, erblühen jetzt Blumen in allen Farben – gelbe Margriten, Klee, Mohnblumen, jeden Tag werden es mehr. Die Sonne steht schon wieder hoch am Himmel, und wenn es regnet, beginnt die warme Erde zu duften. Der Geruch weckt Erinnerungen an Sommer, an heisse Tage und lange, laue Abende.

Mit dem Frühling werden auch unsere Pläne für die Weiterreise konkreter. Ursprünglich hatten wir geplant, Kreta bereits Anfang März zu verlassen. Nicht nur, aber auch wegen der strengen Corona-Restriktionen erschien es uns ratsam, noch ein wenig hier zu bleiben. In Griechenland wurde vor einigen Tagen der gefühlt fünfunddreissigste Lockdown ausgerufen. Nachdem in Chania in den vergangenen Wochen die Geschäfte geöffnet waren, trägt die Stadt nun neuerdings das Etikett dunkelrot, und es ist wieder alles geschlossen. Kürzlich kursierte das Gerücht, es gebe jetzt auch in der Sfakia, unserer Gegend hier, einen Coronafall. Genaueres wollte dann aber doch niemand wissen, und am Alltag hier hat sich deshalb auch nichts geändert: Kaffee gibts, und alles andere gibt es hier ausserhalb der Touristensaison ohnehin nicht.

Auch das Wetter hat in den letzten Wochen noch nicht zum Dauerdachzelten eingeladen. Oft regnet und windet es, und immer wieder ist es unfreundlich kalt. Trotzdem. Langsam denken wir ans Aufbrechen. Daniel studiert gewissenhaft unsere Türkei-Reiseführer und Landkarten. Wir haben unsere Ausrüstung noch einmal reduziert und einige Kleinigkeiten am Auto gebastelt – zum Beispiel eine Halterung für die Bouzouki. Auch unser rudimentäres Klapp-Klo nimmt nun langsam Form an. Im Moment scheint die griechisch-türkische Grenze mit gültigem negativem Coronatestresultat passierbar zu sein, und so werden wir voraussichtlich in drei, vier Wochen von hier in Richtung Norden und Osten losreisen.

Unterdessen verläuft unser Alltag hier weiterhin beschaulich. Daniel hat täglich neue Melodien im Kopf, sie fliegen ihm zu und wollen Lieder werden. Ich verbringe viel Zeit mit Malen und tauche ein in die Farbwelten, die sich dabei auftun.

Und immer noch sind wir viel zu Fuss unterwegs – manchmal gehts direkt hinter dem Haus den Berg hinauf, manchmal erkunden wir die weitere Umgebung. Eine unserer letzten Wanderungen führte vom Bergdorf Kallikratis auf einen kleinen Berggipfel, auf dem uns nicht nur eine Handyantenne, sondern auch eine grossartige Aussicht erwartete. Von hier oben sieht man auf beiden Seiten von Kreta Wasser – im Norden das kretische, und im Süden das libysche Meer. Im Westen leuchten die schneebedeckten Gipfel der Weissen Berge, und im Osten ist der Blick frei auf das Psiloritis-Massiv.

Rosa wandert – wenn sie Lust hat – ohne zu Murren zwei, drei Stunden lang über Stock und Stein, bergauf und bergab. Ihrer Aufmerksamkeit entgeht nichts. Und so studieren wir gemeinsam die Laichschnüre der Kröten im Bach am Wegrand, die Unterschiede zwischen echtem und unechtem Salbei und den Flug der imposanten Gänsegeier. Stella ist in den Monaten hier auf Kreta von einem Schweizer Bébé zu einem kretischen kleinen Mädchen geworden. Sie weiss zwar nicht mehr, was eine Kuh ist, unterscheidet aber mit nahezu hundertprozentiger Treffsicherheit Schafe, Böcke, Lämmer, Ziegen, Ziegenböcke und Zicklein. Ihr Wortschatz wird täglich grösser, und zusammen mit dem Berndeutschen lernt sie ganz selbstverständlich auch griechische Worte mit. Blieben wir länger hier, so spräche sie in Kürze beide Sprachen.

Nachdem dieser kretische Winter viele Wochen lang so endlos erschien, und für alle unsere Unternehmungen, Arbeiten und Tätigkeiten unendlich viel Zeit vorhanden war, mischt sich in unsere Tage hier nun langsam eine leichte Abschiedsmelancholie. So ist das mit mir und Kreta: Dieser Ort hier fehlt mir schon bevor ich ihn verlasse.

Ein Kommentar zu “Frühlingserwachen

  1. Liebe Nadja und Familie
    Herzlichen Dank für diesen neuen schönen Beitrag aus Kreta und der griechischen Welt.
    Wünsche euch allen alles Gute und weiterhin viel Freude und Gesundheit. Häbet sorg!
    Ä Gruess, Thomas.

    Gefällt 1 Person

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