Im Himmel zuhause

Gökyurt lese ich auf der Karte und verstehe trotz minimalster Türkischkenntnisse, dass der Ort übersetzt Himmel-Heimat heisst. Was für ein wunderbarer Name für ein Dorf. Und offenbar gibt es da auch alte, in den Tuffstein gehauene Behausungen und Kirchen, das alte Dorf Kilistra. Da müssen wir hin! Wir fahren also von Beyşehir ostwärts und sind bald ziemlich abgelegen unterwegs. Manche Bauerndörfer machen einen so ärmlichen Eindruck, dass es sich anfühlt, als würden wir sie mit einem UFO, und nicht mit unserem Caddy durchqueren. Das also soll der Weg zum Himmel sein? Es wird langsam kritisch. Die Kinder sind erwacht. Sie haben keine Lust mehr aufs Autofahren und protestieren lauthals.

Dann erreichen wir Gökyurt. Alte Steinhäuser schmiegen sich an die Nordseite eines Hügels. Ohne viel Nachzudenken, und um nicht mitten auf dem Dorfplatz stehen bleiben zu müssen, fahre ich aufs Geratewohl in eine der engen Gassen. Heiss ist es, die Kinder jammern, ich habe keine Ahnung, wohin, und dann kommt zu allem Unglück auch noch ein Traktor entgegen. Rückwärtsfahren gehört sonst zu meinen Spezialitäten, aber diesmal funktioniert es nicht. Erst im dritten Anlauf, mit einem frischen Kratzer an der Hecktüre und völlig verschwitzt, bringe ich das Auto vor einem Stall zum Stehen. Der Traktor kann vorbeifahren. Jetzt nur raus hier. Ein Stück weiter oben in der Gasse kann ich wenden, und wir treten den Rückzug an. Vor einem Haus, das ich vorher gar nicht wahrgenommen hatte, stehen ein Mann und eine Frau. Sie müssen mein unmögliches Manöver beobachtet haben. Aber die Frau blickt so unglaublich freundlich, dass ich nicht anders kann, als auszusteigen und sie zu grüssen. Ich zeige ihr auf dem Handy ein Bild des alten Kilistra und erkläre mit Händen und Füssen, dass wir es sehen möchten. Gleich, gibt sie mir zu verstehen, zuerst kommt ihr jetzt mal rein.

Einen Augenblick später sitzen wir im Haus von Serife und Mehmet auf den niedrigen Sitzkissen und trinken cremigen Milchkaffee und Fanta. Trotz der Sprachbarriere verstehen wir uns. Im Notfall hilft der Google-Übersetzer. Das Haus ist äusserst schlicht eingerichtet. Es gibt nur wenige Gegenstände, dafür farbige Teppiche, die den ganzen Boden bedecken, einen gusseisernen Holzofen für die kalten Winter hier und eine atemberaubende Aussicht aus den Fenstern hinunter ins grüne Tal mit seinen Felsformationen. Und es gibt die herzliche Gastfreundschaft dieser beiden Menschen, die diese Räume erfüllt und auf wundersame Weise zum Leuchten bringt.

Mehmet fährt voraus, wir hinterher. Er möchte uns die alten Höhlenhäuser gleich selbst zeigen. Rosa ergreift seine Hand, und wir klettern mit ihm über die Felsen des alten Kilistra bzw. Lystra, hinein in die Höhlen und Ställe im Fels und über einen schmalen, versteckten Weg wieder hinunter zum Auto. Besonders die kleine Kirche hat es mir angetan: Sie ist kreuzförmig und an einem Stück aus dem Stein herausgemeisselt. Die Siedlung Kilistra wurde zwischen dem 2. Jahrhundert vor und dem 3. Jahrhundert nach Christus angelegt. Offenbar war bereits der Apostel Paulus hier zu Gast – auch wenn er bei seinem Besuch laut der Erzählung aus der Apostelgeschichte (Apg 14) wohl wesentlich weniger Glück hatte als wir.

Ob wir eine oder zwei Nächte hier dachzelten dürfen, fragen wir Mehmet. Tabii, tabii! – Selbtstverständlich, selbstverständlich! Als wir uns mit einem Trinkgeld für die Führung bedanken wollen, weicht er entsetzt zurück. Er will das Geld auf gar keinen Fall annehmen. In der Not hole ich mein Malköfferli aus dem Auto hervor und schenke Mehmet eines meiner letzten Bilder. Er freut sich darüber und zeigt mir auf seinm Handy den Instagram-Account seines Sohnes Kamil, der Künstler ist und in Konya lebt. Ich drücke auf folgen und einige Augenblicke später schreibt Kamil schon hello! Wir stellen unser Zelt auf, und bekommen schon bald Gesellschaft von einem riesigen aber beinmageren Kangal-Rüden, der uns die nächsten Tage überallhin begleiten wird. Bald heisst er einfach „der ander Hümpu“. Irgendjemand hat dem armen Kerl die Ohren abgeschnitten. Offenbar wird das hier bei den Hütehunden gemacht, damit Wölfe ihre Ohren nicht attackieren können. Ich hege allerdings schwere Zweifel an der Notwendigkeit dieser Praxis. Noch am gleichen Abend besucht uns Kamil bei unserem Zelt. Wir trinken Tee, geniessen die vorzüglichen Eclairs, die er mitgebracht hat und plaudern bis spät in die Nacht hinein.

Während unserer Tage in Gökyurt erfahren wir bei Serife, Mehmet und Kamil die anatolische Gastfreundschaft in vollendeter Form. Wir werden nicht nur zu einem ausgezeichneten Dorf-Frühstück eingeladen, sondern Anneanne, Grossmutter und Dede, Grossvater bieten sogar an, unsere Kinder zu hüten, während wir mit Kamil das Dorf und seine Umgebung weiter erkunden. Als wir zurückkommen, sind Rosa und Stella vergnügt am Spielen. Sie haben den Morgen mit den Ersatzgrosseltern offensichtlich sehr genossen. Der Abschied von Serife und Mehmet fällt uns schwer. Werden wir uns wiedersehen? Wann? Wir winken, bis sie nicht mehr zu sehen sind. Auf der Fahrt nach Konya erfüllt der Duft von Serifes frischem Brot das Auto.

Daniel und ich suchen stundenlang im Internet nach einem Hotel in Konya und geraten uns darüber in die Haare. Die meisten sind entweder zu, oder sie nehmen keine Hunde, oder haben keine Zimmer, die für uns alle gross genug sind… Aber wir müssen wieder einmal waschen, duschen, rasieren und die Kinder baden. Schliesslich kommen wir im Hilton unter – nach den Tagen im Dorf der komplette Kulturschock. Auch die Umgebung des Hotels, das Stadtzentrum von Konya, hinterlässt einen befremdlichen Eindruck: Ganze Quartiere werden hier dem Erdboden gleich gemacht und durch osmanisch anmutende Neubauten und durch hochsicherheitsumzäunte, teure Wohnsiedlungen ersetzt.

Umso mehr freuen wir uns, am Abend noch einmal Kamil zu treffen. Wir besuchen ihn in seinem Atelier. Eins von seinen Bildern darf mit uns mitkommen – es ist klein genug für unser Auto, und wir sind gespannt, wo wir es dereinst aufhängen werden.

Kamil AÇIKGÖZ 2021

5 Kommentare zu „Im Himmel zuhause

  1. Hallo zusammen,
    Muttertag, eben erst erwacht und eingetaucht in ein weiteres Kapitel von ταξίδια! Mir gefällt, wie offenbar auch Rosa bereits gespürt hat, dass sie und ihre Schwester problemlos bei dieser eigentlich fremden und doch eben vertrauenswürdigen türkischen Frau allein bleiben können…Ich wünsche Euch weitere, gute Begegnungen in diesem Land, wo Gastfreundschaft gross geschrieben wird! Häbets schön und liebe Grüsse Ruth

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  2. so schön. ich erlebe grad alles mit. danke. das will ich dann unsern türkischen nachbarn erzählen. sie sind auch enorm gastfreundlich und offenherzig, eine bereicherung für unsere siedlung.

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  3. Liebe Nadja, liebe Familie
    Allerbesten Dank für diesen schönen und geführlvollen Bericht. Es freut mich sehr, dass ihr so schöne Orte und sehr nette Menschen treffen könnt. Erstaunlich, was ihr alles für interessante Erfahrungen machen könnt. Ich habe mir bei eurem Eintritt in die Türkei andere Situationen vorgestellt (Überwachung überall, wenn man sich Recep Tayyip Erdoğan vor das innere Auge holt).
    Wünsche euch eine weiterhin schöne und gefahrenlose Weiterreise, wohin ihr auch geht und freue mich auf unser erstes Zusammentreffen in der Schweiz.
    Alles Gute und viel Spass.
    Ä Gruess, Thomas H.

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