Tuff, Tuff, Tuff! – Höhlenwelten in Kappadokien

Jahre lang waren Orte wie Caesarea, Nyssa und Nazianz sowie die spätantike kirchliche Praxis und das Leben kappadokischer Mönche mein tägliches Brot im Büro an der Uni Tobler in Bern. Jetzt fahren wir über die leere Autobahn von Konya in Richtung Kappadokien. Die Kinder schlafen in ihren Sitzen, der Milobär hat den Kopf auf Rosas Schoss gelegt und döst. Während wir uns also mit hoher Geschwindigkeit der Heimat grosser, alter Theologen nähern, führen Daniel und ich eine eher profane Diskussion: Sollen wir in Göreme auf einem der Campingplätze zelten oder im Hotel übernachten? Mein Bauchdurcheinander entscheidet schliesslich fürs Hotel. Nachts im Zehnminutentakt aus dem Zelt klettern und zum Klo rennen, nein, das macht keinen Spass.

Die Landschaft, durch die wir fahren, ist unglaublich. Wohin man auch schaut, stehen Tuffsteinkegel und -säulen in fast jeder vorstellbaren Form und schroff abgebrochene Felswände, und sie sind allesamt durchlöchert wie ein Emmentaler Käse. Türen, Fenster und Balkone, manche ebenerdig, andere hoch oben am Felsen. Wir müssen ganz langsam fahren, weil es so viel zu sehen gibt. Die Einheimischen erkennen Neuankömmlinge wohl am Fahrtempo.

In Göreme finden wir im Holiday Cave Hotel ein Zimmer – es ist tatsächlich im hinteren Teil eine Höhle. Erschöpft und mit Magenschmerzen lasse ich mich aufs Bett fallen. Daniel und die Kinder suchen nach dem nächsten Spielplatz, und ich schlafe augenblicklich ein. Irgend ein Käfer hat uns heimgesucht, und so brauchen wir die Tage und Nächte in Göreme auch zur Erholung. 

Sobald wir alle wieder einigermassen munter sind, erkunden wir die Umgebung. Mehrere Tage lang klettern wir in alle möglichen und unmöglichen Löcher, tummeln uns durch alte Klosterküchen und -refektorien (Esssäle), in Stallhöhlen und durch Kirchen mit tausendjährigen, wunderbar erhaltenen Fresken, die einem den Atem rauben. Rund um die Kirchen gibt es oft Grabanlagen, in den Fels geschlagene Kammern, wo die Verstorbenen bestattet wurden. Immer wieder sehen wir auch ganz kleine Vertiefungen, wo vermutlich Bébés oder Kleinkinder beerdigt wurden. Das gibt besonders Rosa sehr zu denken. 

Nach einigen Tagen stellt sich bei meiner Familie langsam eine Kirchenübersättigung ein. Chiuche nid! lässt Stella verlauten, als wir überlegen, was wir heute unternehmen wollen. So lassen wir unsere Zeit in Göreme mit einer Wanderung durchs Rote Tal ausklingen – ganz ohne Kirchen, dafür umgeben von mächtigen roten Steinsäulen.

Auf der Weiterfahrt machen wir Halt in Kaymakli. Mitten auf einer topfebenen Fläche bauten Menschen vor gut tausend Jahren eine Stadt – nicht auf, sondern unter der Erde! Es ist eine von mehreren hundert unterirdischen Städten in Kappadokien. Wir folgen den roten Pfeilen und geraten durch Gänge und über Treppen und Stege immer weiter unter den Boden. Es ist faszinierend und auch ein wenig unheimlich – besonders wenn man daran denkt, dass nur ein kleiner Teil dieses Höhlenlabyrinths überhaupt erforscht und erschlossen ist. Irgendwann, als es sich schon nach sehr tief unten anfühlt, gibt eine Luke in der Wand den Blick in einen Lüftungsschacht frei – noch viele, viele Stockwerke weiter unten verliert sich das Rohr in bodenlosem Schwarz.

Nach den Nächten im Hotel ist es wieder Zeit fürs Dachzelt. Unser nächstes Ziel ist das Ihlara-Tal. Nur – wo ist es? Die Strasse führt über sanft geschwungene und fast kahle Hügel. Am Horizont erhebt sich majestätisch der Hasan Dağı, ein erloschener, über 3000 Meter hoher Vulkan. Doch hier? Keine Spur von einem Tal. Wir sehen es erst, als wir direkt darauf zu fahren: Neben der Strasse tut sich ein Abgrund auf. Mitten durch diese karge Landschaft zieht sich ein breiter Riss, die Felsen fallen senkrecht ab, und tief, tief unten am Talgrund fliesst zwischen üppigem Grün und hohen Pappeln ein Bach.

Wir zelten beim Tandirci-Restaurant in Belisirma, einem alten griechischen Dorf in der Mitte der Schlucht. Bald sind wir wieder von einer ganzen Hundeschar umgeben, die uns fortan bellend und wedelnd überallhin begleitet. Zwischendurch kommt es unter den Hunden zu Raufereien. Einmal rempeln sie einander so nahe an unserem Auto an, dass einer von ihnen plötzlich mitten in unserem Heckzelt landet – an einem Haufen mit dem Kochmöbeli, dem Gasrechaud, Pfannen und Geschirr und unter meinem lauten Schimpfen. Zu allem Unglück hat er sich auch noch an einem Hering an der Pfote verletzt. Hundeblut tropft den Plastikteppich voll, aber der Kangal lässt mich die Pfote anschauen und desinfizieren. Als ich ihm aber homöopathische Arnika-Kügelchen geben will, sucht er schnell das Weite.

Die Wanderung im Ihlara-Tal gehört zum Eindrücklichsten, was ich an Landschaften bisher gesehen habe. Die schroffen Felswände, die in einem so krassen Gegensatz stehen zu der lieblichen Flusslandschaft hier unten, Blumen, quakende Frösche und Enten, die ihren Küken gerade das Schwimmen beibringen. Das Ihlara-Tal ist ein Ort, an dem es unmöglich erscheint, dass irgendwo auf dieser Welt Unfrieden herrscht.

Kirchen gibt es natürlich auch hier wieder. Und nein, meine Familie kommt auch hier nicht darum herum, so viele wie möglich davon zu besichtigen. So klettern wir vom Weg am Talgrund die Hänge hinauf und tauchen einmal mehr ein in die Höhlenwelten Kappadokiens. Die meisten Fresken, die hier noch erhalten sind, stammen aus dem 9. bis 11. Jahrhundert. Die Bildprogramme von damals haben sich in der orthodoxen Kirche seither kaum verändert. Ikonen von Christus, der Gottesmutter, Engeln, Evangelisten, Aposteln und Heiligen sowie biblische Szenen, sie sind in diesen Kirchen seit über tausend Jahren immer noch an den gleichen Stellen angebracht. Das weckt ein leises Gefühl von Ewigkeit. Von Ewigkeit und von Vertrautheit, sogar an Orten, die ich das erste und vielleicht einzige Mal sehe.

Doch sogar Felsen und Steine sind in Bewegung. An vielen Stellen im Tal kann man sehen, wie mächtige Brocken abgebrochen und ins Tal gestürzt sind. Durch manch eine Kirche laufen tiefe Risse, es klaffen Löcher in den Wänden oder es fehlen ganze Teile. Überall ist – ganz wörtlich – Zerfall zu erkennen. So werden die kappadokischen Höhlenkirchen, einst für die Ewigkeit in Stein gemeisselt, auch zu einem Sinnbild für die Vergänglichkeit.

4 Kommentare zu „Tuff, Tuff, Tuff! – Höhlenwelten in Kappadokien

  1. Danke Ihr Lieben für die einmalig eindrücklichen Bilder und für den spannenden Beitrag..Ich geniesse das Mitgehen in Gedanken mit euch. Ich bin froh , sind die Bauchunstimmigkeiten vorbei..Ihr habt mit dem Hotel gut entschieden. Jetzt gehts wieder aufs Dach. Ich umarme euch herzlich lieb. Evi.

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  2. Liebe Nadja, liebe Familie
    Und wieder ein so schöner Bericht über die Gegend, welche ihr bereist. Ich reibe mir die Augen über all das, was man hier sieht und die Worte, welche all die Bilder begleiten. Es muss eine sehr schöne und eindrückliche Gegend sein, welche dir sicher viele Eindrücke vermittelt zu all den Studien in deinem Büro in Bern. Nun kannst du alles vor Ort erleben und sehen, was du bisher nur in Worten erfahren hast. Erstaunlich für mich als Christ, über all die Gebiete zu hören, welche ich nur aus der Bibel etwas kenne. Gerne begleite ich euch mit meinen Augen und Gedanken durch all die Gebiete und vor allem das schöne Wetter, das uns im Moment hier bei uns nich so vergönnt ist, aber der Frühling wird auch hier bei uns noch Einzug halten und etwas Wärme bringen.
    Wünsche euch allen weiterhin viel Vergnügen und schöne Erlebnisse in diesem reich mit Natur gesegneten Land.
    Ä Gruess, Thomas H.

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