Kreuz und quer bis ans Meer

Wir nähern uns Iznik – dem antiken Nicäa. Zuerst kommt die gewaltige Stadtmauer aus den ersten Jahrhunderten nach Christus. Dahinter kommt nicht mehr viel. Von der ehemaligen Bedeutung dieser Stadt ist heute kaum mehr etwas zu merken. Doch hier, am See, befand sich anfangs des vierten Jahrhunderts der Sommerpalast des römischen Kaisers Konstantin I. Und hier wurden in den Jahren 325 und 787 das erste und das siebte ökumenische Konzil abgehalten. Hier wurden Entscheide gefällt, welche für die christliche Theologie richtungsweisend waren.

Es ist drückend heiss und feucht. Doch wenigstens einen Spaziergang wollen wir trotzdem machen. An der zentralen Strassenkreuzung von Iznik liegt die spätantike Agia-Sofia-Kirche. Hier wurde fand das siebte ökumenische Konzil statt. Bischöfe aus dem Osten und dem Westen des Römischen Reiches reisten hierher, um über die Frage nach dem Umgang mit Ikonen zu diskutieren. Insbesondere die Abbildung von Jesus Christus war umstritten. Von Gott soll man sich kein Bild machen! riefen die Bildergegner. Die Befürworter der Ikonen hingegen argumentierten, die Verehrung des Bildes gehe auf das abgebildete Urbild über und sei deshalb angemessen, ja notwendig. Die Bilderfreunde bekamen recht. Und so finden sich in orthodoxen und katholischen Kirchen bis heute Ikonen.

In der Agia Sofia von Iznik ist von Ikonen freilich nicht mehr viel zu sehen. Die Basilika hat eine bewegte Geschichte hinter sich: Nach ihrer Zeit als Kirche wurde sie von den Osmanen als Moschee und seit Atatürk als Museum genutzt. Vor zehn Jahren wurde sie auf Geheiss der Regierung in Ankara, doch gegen den Willen der Stadtverwaltung wieder in eine Moschee umgewandelt. So trinken heute alte Muslime mit Gebetsmützen vor dem Eingang Tee, während im Inneren der Agia Sofia leicht bekleidete russische Touristinnen auf der Priestertreppe Selfies schiessen. Irgendwie ist an diesem Ort heute vieles schräg.

Wer kennt ihn nicht, den Uludağ? Mindestens all jene, die schon mal in einem Kebapladen einen Dürüm gekauft haben, sind diesem Berg schon begegnet – im Kühlschrank, abgebildet auf den viel zu süssen gleichnamigen Limonaden. Jetzt sind wir auf dem Weg zu einem der Campingplätze hoch oben auf dem Berg. Die Strasse ist in prekärem Zustand und ich wünsche mir einmal mehr Allradantrieb für unser Auto. Und dann erreichen wir den Zeltplatz – eine Waldlichtung, ein paar funktional aussehende grüne Blachenzelte und weit und breit kein Mensch. Wir staunen nicht schlecht, als spät am Abend plötzlich Autos durchs grosse Tor fahren. Junge Männer steigen aus, leuchten mit ihren Taschenlampen das Gelände ab und stellen in Minuten ein ganzes Zeltdorf auf. Erst, als sie sich als Pfadfinder zu erkennen geben, dämmert uns, dass wir hier auf einem Pfadiplatz gelandet sind. Und so verbringen wir einige Tage in pfadfinderlicher Nachbarschaft am wilden Uludağ und trinken das Wasser dieses Berges für einmal nicht aus der Flasche, sondern direkt aus dem Bach.

Nach den Tagen in freier Natur freuen wir uns auf Bursa – auf einen Iskender Kebap, einen Spaziergang durch die Altstadt und vor allem auf die berühmten Basare die es hier gibt. Wir freuen uns auf eine Nacht im Hotel, auf eine warme Dusche und auf ein üppiges Frühstücksbüffet. Doch daraus wird nichts. Keine Absteige und kein Luxushotel in der ganzen Stadt will uns mit unserem Milobär aufnehmen. Nachdem ein Hotelier unseren Pudel gütigerweise in der Garage hätte nächtigen lassen, ist klar: Das hier ist nichts für uns. Im kleinen Ort Gümüstepe westlich von Bursa können wir auf dem Parkplatz eines Restaurants am Fluss übernachten. Hier gibt es gutes Essen und einen Spielplatz. Und genau hier und heute lernt Rosa, das Rittiplampi, die Schaukel, selbst in Schwung zu bringen. Sie schaukelt und schaukelt und schaukelt und will gar nicht mehr aufhören.

Jetzt trifft uns die südeuropäische Sommerhitze mit voller Wucht. Alles ist klebrig feucht, die Wäsche will nicht trocknen und auch die Haare nicht, und das bei über vierzig Grad. Wir retten uns in Bergama, dem antiken Pergamon, auf den Campingplatz mit Swimmingpool. Hier steht bereits ein anderes Reisemobil – ein deutscher Lastwagen, offensichtlich zum Wohnmobil umgebaut. Unser Caddy mit Dachzelt sieht daneben aus wie ein Bobbycar. Noch bevor ich huiuiui, wer ist den so unterwegs? fertig denken kann, stehen sie schon vor uns: Denis und Carina, ihre Kinder Max und Tina und die Berner Sennenhündin Sally. Sie sind die ersten anderen Touristen, die wir in der Türkei treffen – was wohl vor allem an unserer Reiseroute liegt. Die Kinder verstehen sich sofort und sind für die nächsten Tage unzertrennlich – sie spielen im Wasser, unter den Bäumen, im Lastwagen und im Dachzelt und fallen dann augenblicklich in Tiefschlaf. Und wir können währenddessen gemütlich malen, dichten, Bier trinken, grillieren und bis in alle Nacht hinein plaudern. Eine Camperbekanntschaft – das ist für uns eine neue Erfahrung. Wir geniessen die kurze Zeit miteinander ausserordentlich.

Die letzte Station unserer Türkeireise ist ein kleines Dorf an der Ägäis westlich von Assos. Hier erwarten uns Dila, Haydar und Deniz, eine Familie aus Istanbul, die wir vor fast drei Monaten am Bafasee kennengelernt haben. Sie verbringen hier ihre Sommerferien, und wir leisten ihnen für einige Tage Gesellschaft. Wir sind zwar auch hier wieder die einzigen Ausländer. Und doch ist der kleine Badeort eine vollkommen andere Welt als alle andern Orte, die wir in diesem Land bereist haben. Hier versammeln sich die Linken, die Gebildeten und Akademikerinnen aus den westtürkischen Städten. Hier werden Bücher gelesen, hier wird diskutiert. Auf einmal sprechen alle Englisch, Französisch und Deutsch. Die Frauen baden im Bikini statt mit Ganzkörperbekleidung und die Männer flanieren in kurzen Hosen und légèren Hemden am Strand entlang. Die Tage mit Dila und Haydar werden zu unserem türkischen Debriefing: Manch eine Beobachtung, die uns unterwegs erstaunt oder irritiert hat, klärt sich im Gespräch mit ihnen. Und wir lassen es uns in diesen letzten Türkeitagen gut gehen bei ausgezeichneten Mezze, Fisch und Raki mit Eis.

Ein Kommentar zu “Kreuz und quer bis ans Meer

  1. Liebe Nadja, lieber Daniel, liebe Kinder
    Wieder ein so schöner und ausfühlicher Reisebericht, unterlegt mit vielen schönen Bildern. Gerne lasse ich meine Bewunderung über eure Reise hier wieder aufleben und ich gönne euch von Herzen, dass ihr in diesen Tagen viele nette Menschen kennen gelernt habt. Geniesst die Tage und lasst es euch gut gehen, es gab ja auch viele Strapatzen, die ihr durchlebt habt.
    Alles Gute und es grüsst euch
    Thomas H.

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