Wo die Gastfreundschaft zuhause ist

I have good news for you! Your tests are negative, ruft uns die Frau an der Türe des medizinischen Labors schon von Weitem zu. Allerdings haben wir sie am Vortag hier nicht gesehen, und als sie unsere Covid-Testergebnisse aus dem dicken Papierstapel hervorsucht, hat sie keine Ahnung, wie wir heissen. Wir schliessen daraus, dass in den 50 Euro für den Test die Garantie für ein negatives Ergebnis wohl mitenthalten ist. Und dass hier gerade das grosse Geld gemacht wird.

Berat

Tausend Fenster schauen runter,
sehen, wer da geht entlang.
Manche traurig, andre munter,
arme Schlucker, Leut von Rang.

Tausend Fenster sehen kommen,
sehen gehen manche Zeit.
Zeit der Strengen und der Frommen,
Zeit auch derer, die besonnen.
Tausend Fenster blicken weit.

Daniel

Von Tirana sind wir weiter Richtung Süden gefahren – zuerst ins schmucke Städtchen Berat, wo wir einen langen Spaziergang zwischen den weissen Häusern mit ihren unzähligen dunklen Holzfenstern machten, und dann hierher, nach Gjirokaster. Aus der Ferne ist die Altstadt kaum zu erkennen, nur der neue Stadtteil schimmert weiss am Fuss des Berges. Erst, als wir näher kommen, schälen sich aus dem Hang die Strukturen der grauen Steinhäuser heraus – sie sind in ihrer schlichten Ebenmässigkeit wunderschön.
Griechenland ist hier zum Greifen nah. Bis an die Grenze sind es nur noch zwanzig Minuten Fahrt. Die Geschäfte sind oft zweisprachig beschriftet, und auf der Strasse schnappe ich zwischen albanischen auch griechische Worte auf. Auf den Speisekarten der Restaurants in den Gassen der Altstadt lese ich die Namen vertrauter Gerichte.

Meine Gefühle sind zwiespältig. Griechenland zieht und lockt, und gleichzeitig wird die Überquerung der Grenze das Ende unserer Reise durchs ganz Unbekannte bedeuten. Auf einmal geht es schnell. Unterwegs haben wir so viele gute Menschen kennen gelernt, so viel Wohlwollen erfahren und, wenn immer es nötig war, Hilfe bekommen. Gerade an jenen Orten, an die sich kaum Touristen verirren, wurde uns die herzlichste Gastfreundschaft zuteil. Jetzt spüre ich ein leichtes Unbehagen: Wird uns Griechenland ebenso freundlich empfangen? Oder ist die vielgepriesene griechische φιλοξενία, die Liebe zum Fremden, also die Gastfreundschaft, ein scheues Wesen, das sich verzieht, wenn es von zu vielen Touristen verschreckt wird? Ausserdem gilt laut der Webseite des griechischen Gesundheitsministeriums ein ausserordentlich strenges Corona-Regime. Davor sind wir jetzt fast ein Jahr verschont geblieben, und mir steht der Sinn nicht danach.

Aber es wird Zeit. Wir packen unsere Sachen, klappen das Zelt zusammen und erreichen nach einer kurzen Fahrt den Grenzübergang bei Kakavija. Alle Pässe und Papiere sind bereit, nur das Einreiseformular haben wir zu spät ausgefüllt, und es ist erst ab morgen gültig. Wir erwarten eine genaue Kontrolle und sind nervös. Die Kinder merken es gut und nörgeln herum. Bei der dänischen Familie im Retro-Wohnmobil vor uns geht es lange. Papiere gehen hin und her, die Beamten runzeln die Stirn. Da hilft nur Musik. Ich wähle Mariό, die letzte grosse Rembetiko-Sängerin. Als sie ihre beste Zeit hatte, müssen die Zollbeamten junge Burschen gewesen sein, und wer weiss, vielleicht werden sie durch den Gesang milde gestimmt. Die Pässe sind in Ordnung. Was für ein schöner Hund! Wie ein Plüschtier, wie ein Teddybär! Hat er auch einen Pass? Selbstverständlich. Ich zücke das rote Büchlein, der Beamte schmunzelt und wünscht καλό ταξίδι – gute Reise! Und dann sind wir in Griechenland.

Im ersten Dorf machen wir einen Halt. Kaffee und eine σπανακόπιτα, eine Spinattasche, das muss jetzt sein. In allen Ländern, die wir in den vergangenen Monaten bereist haben, gibt es Börek in unterschiedlichen Schreibweisen. Aber so gut und üppig gefüllt wie in Griechenland waren sie nirgends. Herzhaft beissen wir in die saftige, würzige Füllung.

Rechts geht es nach Ioannina, links direkt in die Zagori-Berge. Wir biegen ab, immer höher führt uns die Strasse hinauf, und bald erreichen wir die ersten Häuser. Die Dörfer sind umgeben von dichten Wäldern und sehen aus wie Miniaturen von Gjirokaster. Kaum zu glauben, dass diese Gegend zum gleichen Land gehört wie Kreta, Rhodos oder die Kykladen! Vom Dorf Μονοδένdρι/Monodendri laufen wir den Weg hinunter zum Kloster der Heiligen Paraskevi. Wie ein Vogelnest sitzt es auf einem Felsvorsprung in der Vikos-Schlucht. Auf der Rückseite des Klosters gibt es einen kleinen Balkon, direkt über dem Abgrund. Bis zu tausend Meter fallen die Felswände hier senkrecht in dieTiefe. Weit, weit unten ist ein Bachbett zu sehen, gesäumt von einem grünen Polster, das aussieht wie Moos auf dem Fels. Erst nach einer Weile wird mir klar, dass es ein Eichenwald ist, der dort unten den Boden der Schlucht bedeckt.


Die ganze Nacht hat es leise und gleichmässig auf unser Zelt geregnet. Einmal mehr waren wir froh um Thermokleidung, Wollsocken und die zusätzlichen Schlafsäcke. Mir geht durch den Kopf, dass es auf dieser Reise häufiger kalt war als nicht. Vielleicht ist das so, wenn Schweizer reisen: Wir landen immer in den Bergen. Nach einem improvisierten Frühstück brechen wir auf. In engen Schluchten wölben sich steinerne Brücken über die Bachbetten, und in alle Richtungen gehen Wege von der Strasse ab, die zum Wandern einladen. Hierher müsste man im Spätherbst kommen, wenn die Blätter sich verfärben und Nebel zwischen den Felsen hängt.

Hohe Platanen breiten ihre Äste über die Platia von Φραγκάδες/Frangades. Darunter stehen einige einfache Tische. Die Türe des Kafenions ist geöffnet, und wir haben Hunger. Vassilis, der Wirt, begrüsst uns, als hätte er seit Jahren nur auf uns gewartet. Die φιλοξενία, die Gastfreundschaft, ist auch in Griechenland immer noch zuhause. Heute begegnet sie uns genau hier.

2 Kommentare zu „Wo die Gastfreundschaft zuhause ist

  1. Liebe Familie
    Danke für den schönen Bericht mit all den Eindrücken. Schön, dass ihr wieder in Griechenland seid und wieder eure, wie soll ich sagen, fast zweite Muttersprache sprechen könnt. Wünsche euch viele schönte Tage und eine gute Weiterreise.
    Ä Gruess, Thomas H.

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  2. Liebe Nadja, Daniel, Rosa und Stella
    Was für ein eindrücklicher Reisebericht! Ich kann unsere Reise durch Albanien noch einmal Revue passieren lassen. Tirana, Berat, Gjirokaster leben vor meinem geistigen Auge wieder auf. In Berat wohnten wir in einem sehr sympathischen B&B. Gutes Ankommen in Griechenland und viele glückliche Momente. Herzlich Elisabeth

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