Schneesturm, Schilf und Tortenschmaus

Der Februar beginnt mit milden Tagen, wenig Wind und viel Sonne. Wir beschliessen, eine weitere fällige Arbeit am Haus in Angriff zu nehmen: Die Sanierung der biologischen Kläranlage. Das System ist bestechend einfach. Das Abwasser aus dem Haus wird durch einen Fettabscheider und dann in eine anderthalb Meter tiefe Kiesgrube geleitet und dort über Rohre verteilt. Im Kies ist Schilfrohr angepflanzt, welches Abwasser und Dreck aufnimmt und davon bestens lebt.

Beinahe zwanzig Jahre hat die Anlage einwandfrei funktioniert – ich erinnere mich, wie ich als Teenager selbst mitgeholfen habe, die viereckige Grube aus dem harten Boden zu heben, zuerst mit dem Spaten, dann mit dem Pickel und zuletzt mit Hammer und Meissel. In den letzten Monaten ist das Wasser nun nicht mehr richtig abgeflossen – irgendwo müssen die Rohre verstopft sein. Wir schaufeln also das Kies aus der Grube und legen die Verteilrohre frei. Wie vermutet, sind sie von den Schilfwurzeln komplett zugewachsen und es bleibt uns nichts anderes übrig, als alles auseinander zu nehmen. Endlich gelingt es mir, das Wurzelgeflecht von blosser Hand aus den Rohren zu reissen. Das brackige Wasser ergiesst sich in einem Schwall ins Becken. Selten hat mich eine stinkende Brühe so erfreut wie jetzt.

Dann ist es Zeit für Erholung und Genuss. Immer am Samstag kommt der μανάβης (Manavis), der fahrende Gemüsehändler vorbei. Schon von Weitem ist sein Lautsprecher zu hören: Ich habe Tomaten! Ich habe Gurken! Bananen! Gute, saftige Mandarinen habe ich! Zehn Kilo kretische Orangen für fünf Euro! Schnell holen wir Geld und springen hinauf zum Tor. Die Orangen lassen wir uns nicht entgehen – jeden Morgen gibt es zum Frühstück frisch gepressten Saft. Auch den Mandarinen können wir nicht widerstehen, und weil es so viele sind, machen Daniel und Rosa daraus kurzerhand eine Quarktorte.

Biscuits mit der Hand zerdrücken
brauch viel Kraft, doch macht es Spass.
Die Torte mit Glasur ausschmücken
Das ist toll, komm, ich mach das!


Sahne schlagen, Quark gelieren,
nein, das ist mir dann zu viel.
Lieber will ich schon probieren,
von der Füllung schnabulieren,
das ist doch für mich das Ziel.

Daniel

Schliesslich schlägt das Wetter doch noch um. Der Wind dreht und bläst jetzt von Norden. Die Kälte, die die Schweiz in den letzten Wochen im Griff hatte, erreicht Kreta. Innert weniger Stunden fällt die Temperatur um zehn Grad und heftiger Regen setzt ein. Wir werden auf unserem Spaziergang derart verregnet, dass wir nass bis auf die Unterwäsche nach Hause zurück kommen.

Es stürmt zwei Tage und zwei Nächte lang. Regen und Schnee fegen übers Land, es blitzt und donnert, es ist ein einziges Toben und Brodeln. Der Wind bringt die Wasserleitungen zum vibrieren und es braust in den Lüftungsrohren. Die Schafe schreien, als gäbe es kein Morgen. Die Lichter des Dorfes flackern, gehen immer wieder aus. Das kretische Stromnetz ist dem Wetter und den unzähligen Elektroöfen, die jetzt angeschaltet werden, nicht gewachsen. Rosa und Stella erwachen in der Nacht unzählige Male. Sie fürchten sich vor dem Pfeifen, Brummen und Lärmen. Wir kommen nicht zu viel Schlaf. Eine weisse Katze sucht unter den Bogen unseres Hauses Zuflucht. Ich habe Erbarmen und ich lege ihr eine Hand voll Hundefutter auf den geflochtenen Stuhl.

Als ich morgens früh erwache,
ist das erste, was ich seh
ein putzmuntres kleines Köpfchen,
es spürt wohl den nahen Schnee.


Ganz vergnügt tut es frohlocken,
singt vom Geisslein auf dem Berg,
s’ gibt kein Halten! Auf die Socken!
Ab nach draussen, in die Flocken,
da freut sich der kleine Zwerg.

Daniel

Am Morgen liegt Schnee im Hof. Für Rosa und Stella gibt es kein Halten mehr, sie wollen raus, versuchen, die Flocken mit der Zunge zu fangen und formen nasse Schneebälle. Dann geht der Schnee wieder in Regen über und bald ist alles Weiss weggespült. Nass, mit roten Gesichtern kommen die Kinder wieder herein.

Wir verbringen die Tage drinnen in der Stube, spielen, malen und erzählen Geschichten. Pudel Milobär rollt sich so klein wie er kann zusammen – es soll nur ja niemand auf die Idee kommen, mit ihm nach draussen zu wollen! Das Erdhaus bewährt sich auch im Winter. Selbst ohne Heizung bleibt die Temperatur konstant bei rund 18 Grad. Die Isolation des Daches im letzten Jahr hat sich gelohnt.

Die Strasse über die Berge ist zugeschneit, wir bleiben einige Tage von der Nordküste abgeschnitten. Das freut die meisten hier: Man kann entspannt im Beizli Kaffee trinken – es besteht keine Gefahr, dass die Polizei aus Chania eine Razzia durchführt und Bussen verteilt, weil die Lokale trotz Corona geöffnet sind. Nur der Bäcker ist nervös. Seine Cousine erwartet in diesen Tagen ein Kind. Was, wenn plötzlich die Wehen einsetzen und sie es nicht in die Klinik schafft?

Der Wind lässt nach. Heute Morgen geht wieder die Sonne auf, sie scheint durch die Fenster und wärmt die Stube. Hinter unserem Haus erheben sich die Berge, majestätisch und schneebedeckt.

Ein Kommentar zu “Schneesturm, Schilf und Tortenschmaus

  1. Hallo zusammen
    Schön, können wir wieder an eurem Leben auf der Insel teilhaben. Ihr seid ja schon fast ein wenig Griechen (Sprache und Lebensweise) und ihr seid, wie ich sehe, gute Handwerkerinnen und Handwerker, alles kann von euch gelöst werden.
    Bei uns hat nun eine Frühlingsphase Einzug gehalten, es ist an vielen Tagen mehr als 15 Grad und lädt zu Velotouren ein. Hoffe gerne, dass der effektive Frühling dann auch noch schön und warm sein wird. Heute erfahren wir, wann die Läden und Restaurants wieder öffnen dürfen, die Wirtschaft drängt sehr auf Lockerungen.
    Wünsche euch weiterhin alles Gute und viel Freude auf der Insel.
    Ä Gruess a alli, Thomas H.

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