Drachenland im Wüstensand

Der Berg Nemrut ist uns nicht wohl gesonnen. Wir finden keinen guten Ort zum Zelten, und beschliessen deshalb, direkt nach Mardin weiter zu fahren. Der Pide, den wir im Dorf Karadut vor der langen Fahrt noch essen, schmeckt etwas sonderbar. In Ermangelung von Alternativen essen wir trotzdem die Hälfte davon, und der Junge in der Bäckerei verlangt einen astronomischen Preis dafür. Also: Nichts wie weg von hier.

Jetzt brettern wir seit Stunden durch die völlig verdorrte Landschaft direkt auf die syrische Grenze zu. Alle Getreidefelder sind längst abgeerntet. Immer wieder kommen uns Lastwagen entgegen, die gefährlich hoch mit Säcken beladen sind. Auf der Autobahn gibt es jetzt auch Traktoren und Esel, Kühe und Schafherden. Wüstenstaub hängt in der Luft. Die Temperatur steigt und steigt. Als wir in Kiziltepe für einen kurzen Halt und eine Glacé aussteigen, zeigt das Thermometer 43 Grad an. Möglicherweise machen wir einen etwas mitgenommenen Eindruck. Der kurdische Tankstellenwart und seine Kollegen bringen uns Wasser und pumpen den rechten Hinterreifen auf, der aus unerfindlichen Gründen bereits seit Assos regelmässig ein wenig Luft verliert.

Gestärkt legen wir die letzten Kilometer nach Mardin zurück. Die Stadt liegt hoch über der nordmesopotamischen Ebene auf dem Berg, ein langgezogenes Band aus sandfarbenen Häusern. Dachzelten in Städten ist keine gute Idee. Deshalb hat Daniel hat von unterwegs  per Telefon ein Zimmer in einem Hotel reserviert. Nur noch kurz, dann endlich duschen und schlafen! Doch als wir in die Altstadt hineinfahren, beginnen die schlimmsten Stunden unserer Reise. Daniel steuert, und ich gebe die Richtungsanweisungen. Doch Google Maps lässt uns im Stich. Achtung, hier musst du rechts! rufe ich, aber rechts ist leider keine Strasse, sondern eine Treppe. Dasselbe bei der nächsten Abzweigung. Und bei der übernächsten. Und irgendwann stehen wir mit unserem Caddy zuoberst in der Altstadt am Ende einer engen Gasse, und vor uns gibt es nur noch Treppen. Die Sonne ist gerade untergegangen und mir ist ums Weinen. Wir kommen rückwärts wieder davon, fahren einmal um den ganzen Berg herum und finden endlich das Hotel. Der Receptionist erklärt, das Zimmer sei jetzt doppelt so teuer wie am Telefon vereinbart. Wir lehnen ab. Inzwischen ist es kurz nach acht Uhr abends und stockdunkel. Keins der Hotels in Mardin will uns mit unserem Milobär beherbergen.

Zum Glück haben wir einen Telefonjoker – einen einzigen, aber einen guten. Ich rufe Dila und Haydar an, die wir am Anfang unserer Reise am Bafasee kennengelernt haben. Sie haben Freunde hier in Mardin und wissen Rat. Eine halbe Stunde später erreichen wir gerädert das Gästehaus des türkischen Gesundheitsministeriums im neuen Teil der Stadt. Der Nachtwächter bringt uns Tee, und wir kochen in der Gemeinschaftsküche spätabendliche Spaghetti mit Fertigsauce.

Am nächsten Morgen geht es mir elend. Den Pide in Karadut hätten wir wirklich nicht essen sollen. Jetzt werde ich ihn gründlich wieder los. Mein Körper wehrt sich mit Fieber gegen das schlechte Essen. Ich dämmere vor mich hin und merke kaum, wie die Stunden und Tage vergehen. Daniel und Stella kommen glimpflich davon. Auch Rosa ist es übel, aber sie ist schnell wieder munter, und so erkunden die drei zusammen mit dem Milobär alle Spielplätze von ganz Mardin.

Am dritten Tag bin ich so weit erholt, dass wir in eine kleine Wohnung in der Altstadt von Mardin umziehen können. Eigentlich ist es eher ein Keller. Er geht auf einen Innenhof hinaus, wo sich Hühner, Hähne und eine weisse Ente tummeln. Die Sonne scheint durch das Laub eines hohen Nussbaums und taucht den Hof in ein freundliches grünes Licht. Im Lauf der nächsten Tage stellt sich heraus, dass die Wohnung, die Daniel via Airbnb gefunden hat, eigentlich nur Nebensache ist. In Wahrheit haben wir eine türkische Grossmutter gemietet. Raife wuselt den ganzen Tag um uns herum, werkelt am Haus, putzt, bringt Tee und Gebäck, kneift Rosa in die Wange, schaukelt Stella in der Hängematte, ruft einmal nach mir, einmal nach Daniel für kleine Handlangerarbeiten, füttert die Hühner, kommt und geht ungefragt in „unsere“ Wohnung und kocht mir Kartoffeln und bitteren Kräutertee für meinen Magen. Sie verfolgt ganz genau, wann wir kommen und gehen, was wir tun und lassen und quittiert unserer Aktivitäten entweder mit zufriedenem Murmeln oder mit missfälligem Grummeln.

Doch vor allem entdecken wir in diesen Tagen endlich Mardin. Das erste, was mir vor der Tür begegnet, ist ein Kehrichtesel – ja, tatsächlich! Der Abfall wird hier aus einleuchtenden Gründen nicht mit Lastwagen, sondern eben mit Eseln eingesammelt.

Wir steigen die engen Gassen und die Treppen immer weiter hinauf. Auf einmal geben die Häuser aus gelbem Stein den Blick auf die ganze Stadt frei. Hier gibt es unzählige Kuppeln, Minarette, Kirchtürme, und auf den flachen Dächern stehen Hochbetten, in denen die Menschen im Sommer schlafen. Und weit unter uns liegt die Ebene von Nordmesopotamien, wo irgendwo im Dunst die Türkei aufhört und Syrien anfängt.

In der protestantischen Kirche lädt uns Pastör Ender Peker zum Kaffee ein, und in der Ulu Camii, der grossen Moschee, treffen wir ganz unverhofft auf drei Barthaare des Propheten Mohammed, die in einer Vitrine in der Wand zu bestaunen sind.

Zu einem richtigen Abenteuer werden die Spaziergänge in der Stadt jedoch erst dank unserem Milobär. Die Papageien und die geschmückten Pferde, mit denen die Touristen für Fotos posieren können, haben gegen unseren Pudel keinen Stich. Auf der Strasse und in den Gassen, im Bazar und im Café, überall springen Kinder und Erwachsene, Frauen und Männer, herbei, stürzen sich förmlich auf unseren Hund, streicheln und knuddeln ihn und rufen im Chor: Wie süss, wie süss, fast wie ein Schaf, oh, wie herzig! Er setzt sich brav neben sie hin, wenn sie mit ihm ihre Fotos und Selfies machen. Vermutlich überschwemmen gerade unzählige Bilder von unserem Milobär die türkischen sozialen Medien.

Daniel und Rosa bringen unseren Caddy hinunter nach Kiziltepe in die VW-Garage für den nötigen Ölwechsel. Die Mechaniker bringen das Auto wieder in Schuss und auf Hochglanz und finden dabei im Rechten Hinterreifen auch noch den Nagel, den wir irgendwo zwischen Kreta und Assos auf der Strasse als Souvenir aufgelesen haben. Doch nicht nur das: Einer der Autoschrauber entpuppt sich als Hundefreund und macht mit Milo einen Spaziergang, während Rosa und Daniel in der Kantine der Garage zu einem Zmittag mit Lahmacun und Pide eingeladen werden.

Wenn sich dann – so weit im Osten schon kurz nach sieben Uhr – die Dämmerung auf die Dächer, Türme und Kuppeln von Mardin senkt, dann lassen Kinder und Erwachsene hier Drachen steigen. Zu Dutzenden gleiten sie durch die Dämmerung, manchmal schwänzelnd, manchmal fast unbeweglich, bis sie in der Dunkelheit nicht mehr zu erkennen sind.

7 Kommentare zu „Drachenland im Wüstensand

  1. Das ist vielleicht ein authentischer Bericht! Da kann man nur lernen – herzlichen Dank. Und wenn ich dann noch von «Drachen» lese, kommt mir auf einmal wieder die Geschichte von der «Reise nach Tripiti» in den Sinn. Aber in diesem Bilderbuch ist doch immer alles so schön aufgegangen?!

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  2. Vielen Dank für diese excellente Reisebeschreibung, auch für die vergangenen und kommenden …. und auch danke, dass ihr eure Erlebnisse so lebendig mit uns teilt. Ich wünsche euch viel Glück auf der Weiterreise und blybet gesund. Herzlich, Beatrix 🤗

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  3. Liebe Nadja, lieber Dänu, liebe Kinder
    Eure Reise ist ein prachtvoller Bilderbogen! Ich „verfolge“ Euch wöchentlich mit dem Atlas! Die Bilder, Texte und Podcasts sind großartig . Danke immer wieder fürs Mitnehmen!
    Liebe Grüße Christa

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  4. Liebe 5,
    Ganz herzlichen Dank für das Verfassen der eindrücklichen Reiseerlebnisse und das Senden der tollen Bilder.
    Es scheint wirklich ein reiches Abenteur zu sein und noch zu werden! Es freut uns, dass Ihr bedeuten mehr Höhen als Tiefen erlebt.Besonder die schönen zwischenmenschlichen Begenungen beieindrucken uns.

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  5. Liebe Nadja, lieber Daniel und liebe Kinder
    Allerbesten Dank für diesen erneut schönen und ausführlichen Bericht mit wunderschönen Fotos über die Reise nach Mardin. Es scheint, dass auch der Körper seine Blessuren abbekommt, so in Sachen Essen, aber das ist ja sicher der Gegend und deren Gewohnheiten zuzuschreiben. Das Wohnen scheint einigermassen zu klappen, wenn man bedenkt, in was für einem Gebiet ihr euch da befindet. Ja, ihr seid nahe dem ehemaligen Kriegsgebiet und es scheinen doch noch ein paar Zeugen des christlichen Glaubens stehen geblieben zu sein. Schön auch, dass ihr da einen protestantischen Pfarrer getroffen habt, mit dem ihr euch austaschen konntet. Scheint mir in diesem Land nicht selbstverständlich zu sein, wenn man bedenkt, was Erdogan mit seinem Volk in Sachen Religion so vor hat.
    Nun wünsche ich euch alles Gute, tragt Sorge zu euch und schaut auch zu eurer Gesundheit. Und was auch wichtig ist: Keine Panne mit dem Auto!
    Liebe Grüsse und bis zum nächsten Mal.
    Thomas H.

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  6. Liebe Nadja und Familie
    Herzlichen Dank für die lebendigen Reiseberichte aus Südanatolien, die ich mit grossem Interesse lese. Zumal wir im 2004 in diesem Gebiet per ÖV unterwegs waren. Diyarbakir habe ich noch vor meinem geistigen Auge und die Stimmung in der Stadt war äusserst angespannt. Mardin und Midyat waren im 2004 Warnzonen. Es wurde dringend von einer Bereisung abgeraten. Nun habe ich den Abstecher nach Mardin mit euch genossen. Einen Ausflug auf die Insel Akdemar /Vansee habe ich in bester Erinnerung. Frohe Weiterreise und gute Gesundheit! Herzliche Grüsse, Elisabeth St.

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