Im Orient

Wir verlassen das Kloster Mor Yakup und fahren in Richtung Süden. Die Landschaft wird noch karger, wir sind jetzt fast in der Wüste. Einzig im Tal unten, wo der Fluss Beyaz Su (Weisses Wasser) fliesst, wachsen üppig Bäume und Pflanzen. Wie eine wuchernde, grüne Schlange windet sich das Vadi, das Tal, durchs vertrocknete Land. Am Wasser reiht sich ein Restaurant ans andere. Hierher kommen die Menschen aus den umliegenden Städten, wenn die Tage im nordmesopotamischen Sommer unerträglich heiss werden.

Wir selbst entscheiden uns für einen Mittagshalt in Nusaybin, einer Stadt direkt an der syrischen Grenze. Im Stadtpark essen wir unter hohen Bäumen einen Kebap. Dann beginnt die Fahrt nach Westen. Viele Kilometer lang führt die Schnellstrasse genau der Grenze entlang. Neben der Leitplanke verläuft ein Stacheldrahtzaun, dann kommen ein mehrere hundert Meter breiter Streifen braches Land und schliesslich eine doppelte Mauer. Jenseits der Grenze wieder Land, Felder, Dörfer, und es sieht nicht anders aus als hier.

Die Zeit im Tur Abdin ist zu schnell vorbei gegangen. Inzwischen wissen wir gar nicht mehr, warum wir nicht länger im Kloster geblieben sind. Die Fahrt nach Westen fühlt sich irgendwie noch nicht richtig an. Wir hätten uns mehr Zeit nehmen sollen. Es geht zu schnell. Es ist zu früh. Wir können den Orient noch nicht ganz lassen. Also entscheiden wir uns immerhin noch für einen spontanen Besuch in Harran.

Die kleine Stadt südöstlich von Şanlıurfa ist einer der am längsten durchgängig besiedelten Orte der Welt. Seit dem 3. Jahrtausend vor Christus leben hier Menschen. Von hier aus soll der biblische Erzvater Abraham ins Land Kanaan ausgewandert (Gen 12,4), und hierher soll sein Enkel Jakob vor dem Zorn seines Bruders Esau geflohen sein (Gen 27-29).

Die Fahrt durch die Tektek-Berge ist nun wirklich eine Fahrt durch die Wüste. Hier gibt es ausser Steinen nichts. Dann tut sich vor uns die Ebene von Harran auf. Bewässert durch Kanäle des Euphrat wächst hier Baumwolle. Die Felder erstrecken sich, so weit das Auge reicht. Schon jetzt im Frühsommer ist es unsäglich heiss. Es ist der Moment, in dem auch ich mir ein Kopftuch umbinde. Ich bin damit nicht allein: Nicht nur die Frauen, auch die Männer tragen hier Tücher auf dem Kopf. Sich dieser Sonne ohne Kopfbedeckung auszusetzen, wäre Wahnsinn.

Die Altstadt von Harran – wobei Alt-Dorf wohl treffender ist – besteht immer noch zum Teil aus den traditionellen Trulli-Häusern aus Lehm. Einige davon sind als kleines Museum für Besucher zugänglich gemacht. Hier, bei den Harran Kubbeli Evleri treffen wir Mehmet. Der junge Mann führt uns durch die Lehmhäuser, in denen selbst bei einer Aussentemperatur von fast vierzig Grad immer noch ein angenehmes Klima herrscht. Mehmet kocht uns einen weltbesten Kaffee mit wilden Pistazien und erzählt, dass er eigentlich in Antalya in einem Hotel arbeite. Wegen der Corona-Krise war er gezwungen, in sein Heimatdorf, zurückzukehren. Jetzt hütet er hier die Trullihäuser und bewirtet die wenigen Besucher, die sich nach Harran verirren.

Wir dürfen bei Mehmet und seiner Schwägerin Aishe unter den Maulbeerbäumen unser Dachzelt aufstellen. Rosa erobert sich den roten Traktor von Yusuf, Aishes Sohn, und bald sind die beiden Kinder in ihr Spiel vertieft. Beim Tee mit Aishe und ihrer Tochter Yurdanur erfahren wir, dass die meisten Bewohner von Harran Türkisch nur als Schulfach kennen – im Alltag wird hier ausschliesslich Arabisch gesprochen.

Wir bleiben Abraham dicht auf den Fersen. In Şanlıurfa, kurz Urfa, befindet sich die Höhle, in welcher der Erzvater nach muslimischer Überlieferung geboren wurde. Die Geburtsgrotte Abrahams ist für Moslems einer der wichtigsten Wallfahrtsorte neben Mekka. Ich erwarte einen stillen Ort mit ernsthaften, ehrfürchtigen Menschen.

Umso grösser ist die Überraschung, als wir den Pilgerort erreichen: Es ist eine riesige Parkanlage mit hohen Bäumen, Blumenbeeten, Brunnen, mehreren Moscheen, Marktständen und Restaurants. Prächtig gewandete Frauen und Männer flanieren plaudernd und lachend auf den kunstvoll angelegten Wegen, pikniken auf Decken unter den Palmen, trinken Tee oder lassen sich auf Booten über die kleinen Seen rudern. Zwischen den heiligen Mauern spielen Kinder Fangis, schlecken Glacé und Zuckerwatte.

In einem gewaltigen Teich tummeln sich Fische – es sind heilige Karpfen. Der Legende nach sollte Abraham hier auf einem Scheiterhaufen sterben, doch Gott rettete ihn, indem er das Feuer in Wasser und die Glutbrocken in Fische verwandelte. Wie alle anderen Besucher kaufen wir am Kiosk Futter, das Rosa und Stella vergnügt an die Karpfen verfüttern. Und ich frage mich, ob sich Fische eigentlich auch überessen können.

Die grösste Attraktion in Urfa sind heute aber weder Abraham noch seine Fische – sondern unser Milobär. Wir können uns vor Bewunderern gar nicht retten. Was bedeutet, dass wir eigentlich auch fast gar nicht vorwärts kommen. Milo wird bestaunt, gestreichelt, getätschelt, und geknuddelt. Und allein in diesen Stunden in Urfa posiert er mindestens fünfzig Mal für Selfies, Gruppenbilder und Familienfotos. Am Ende unserer Pilgerfahrt nach Urfa ist unser armer Pudel flach wie ein orientalischer Teppich und unendlich froh, als er sich wieder auf der Rückbank unseres Autos zusammenrollen darf.

Unsere letzte Station östlich des Euphrat ist Halfeti, eine kleine Stadt am Ufer des Flusses. Das heisst, nein: Das, was von diesem Städtchen übrig ist, nachdem es 1999 zu zwei Dritteln im Stausee versenkt wurde. Heute gibt es hier eine hübsche Seepromenade, Ausflugsboote und schwimmende Restaurants. Die Hausdächer, die unter der Seeoberfläche schimmern und die alte Moschee, die knietief unter Wasser steht, wirken dennoch beklemmend. Hier wird uns die Ambivalenz der südostanatolischen Staudamm-Projekte plötzlich in ihrem ganzen Ausmass bewusst. Dieser Stausee, der den Menschen von Halfeti ihr Dorf nahm und sie zum Umsiedeln zwang, ist auch jener Stausee, der den Menschen in und um Harran erst das Wasser liefert, das zum Überleben notwendig ist.

Die Saison der einzigartigen schwarzen Rosen, die hier wachsen sollen, ist leider schon vorbei – so begegnet uns lediglich ihr Duft, den es bei den Strassenhändlern in Flakons jeder Grösse zu kaufen gibt. Schliesslich bleibt uns aber auch Halfeti vor allem als ein Ort mit wunderbaren Menschen und grosser Gastfreundschaft in Erinnerung. Fehmi betreut hier das öffentliche WC-Häuschen. Kaum angekommen, lädt er uns zu einem Zvieri mit Tee, Brot, Käse und Oliven ein. Das Glück kann einen auch auf einer Picknickdecke auf einem staubigen Parkplatz finden.

7 Kommentare zu „Im Orient

  1. Um Mitternacht nach Hause zu kommen, nach einem Hammerkonzert im wunderschönen Morillonpark, und dann beim Lesen eure neuesten Blogs und beim Betrachten der ausgezeichneten Fotos noch in den Orient zu reisen, besser geht nicht.
    Weiterhin viel Glück und schöne Begegnungen. Alles Liebe,

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  2. Liebe Nadja, lieber Daniel, liebe Kinder
    Herzlichen Dank für diesen schönen und wieder ausführlichen Bericht über eure Reise durch Mesopotamien. Es ist eine Gegend, von der ich schon viel gehört habe und die für das Christentum von grosser Bedeutung ist.
    Weiterhin alles Gute und viele schöne Erlebnisse auf eurer Reise.
    Ä Gruess, Thomas H.

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