Şarkikaraağaç – Kaffekultur und ein Wald zum Verlieben

Jemand klopft ans Fenster. Neben unserem Auto auf der Strasse stehen zwei Männer Mitte Dreissig, schauen herein und geben uns gestikulierend zu verstehen, dass wir das Fenster öffnen sollen. Oh nein, ist mein erster Gedanke, Polizei, nein, Räuber, nein, beides zusammen! Daniel lässt die Scheibe herunter. Where are you from, woher kommt ihr, fragen sie in gutem Englisch und stellen sich als Yunus und Ahmet vor. Yunus weist auf die anderen Strassenseite. Er führt hier einen kleinen Kaffeeladen, und er und sein Freund möchten uns gerne einladen – no money, only coffee! Wir versprechen, nach dem Mittagessen vorbei zu schauen.

Eigentlich sind wir ziemlich zufällig in Şarkikaraağaç gelandet. Auf der Suche nach einem guten Ort zum Dachzelten habe ich auf der Karte einen Zeltplatz in den Bergen neben der kleinen Stadt gefunden. Wir haben Hunger und müssen unsere Lebensmittel-Vorratskiste auffüllen. Und ausserdem – wer hat denn schon von Şarkikaraağaç gehört? Wir sicher nicht. Also schauen wir es uns doch an.

Zmittag gibts bei Tadim, im besten Restaurant der Stadt. Es hat den Charme einer Kantine, wunderbare gekochte Menus, Grillgerichte und köstliche Desserts. Wir bestellen viel zu viel, und weil es so fein ist, essen wir trotzdem alles auf, bis man uns fast aus dem Lokal rollen muss. Ein Kaffee ist jetzt das einzig Richtige. Dazu muss gesagt werden: An vielen Orten in der Türkei ist es gar nicht so einfach, Kaffee zu bekommen. Seit der Staatsgründer – und notabene exzessive Kaffeetrinker! – Kemal Atatürk seinem Volk eindringlich vom Kaffee abgeraten hat, trinkt das ganze Land nur noch Schwarztee. Dafür aber literweise, vom frühen Morgen bis spät in die Nacht. Umso mehr freuen wir uns jetzt auf den Besuch bei Yunus und Ahmet.

Betörender Duft strömt aus dem kleinen Geschäft. Yunus mahlt die Bohnen selbst, verkauft ausserdem aber auch Kaffeespezialitäten aus aller Welt, biologische Eier, Nüsse, und Trockenfrüchte. Während wir auf dem Trottoir vor dem Laden diesen wirklich ausgezeichneten türkischen Kaffee geniessen, lernen wir Yunus und Ahmet besser kennen. Sie erzählen vom Leben in der Kleinstadt Şarkikaraağaç, von ihrer Frustration und Wut über die hiesigen politischen Verhältnisse, von Hoffnung und – wie viele, viele andere junge Leute hier – von ihrem Wunsch, dieses Land zu verlassen, und erst zurückzukommen, wenn sich hier Grundlegendes geändert hat.

Dann fahren wir den Berg hinauf zum Campingplatz im Kizildağ Nationalpark. Es ist neblig bei nicht einmal fünfzehn Grad. Wir stellen unser Zelt bei leichtem Nieselregen auf. Für die nächsten Tage ist weiterhin kaltes und nasses Wetter angekündet. Nach Mardin, dem Tur Abdin und Harran eine beinahe unglaubliche Erfahrung. Der Kizildağ Nationalpark ist berühmt für seine Luft – sie soll speziell rein und sauerstoffreich sein.

Mich faszinieren hier oben aber vor allem die Bäume. Mächtige Gestalten sind es, jeder mit einem ganz eigenem Charakter. Sie haben spitze Nadeln, ovale, kompakte Zapfen, flechtenbewachsene Rinde und ausladende Äste; in ihren Wipfeln verfangen sich Fetzen von Wolken. Der moosige Waldboden ist in gedämpftes Licht getaucht, und die Vögel, die hier zwitschern, stellen jede Entspannungs-CD in den Schatten. Ich kann mich fast nicht satt sehen an diesen Bäumen und möchte am liebsten tagelang nur noch durch diesen Wald laufen und die Luft, das Licht, die Feuchtigkeit und die Geräusche in mich aufsaugen. Erst nach einer Weile geht mir auf, dass es Zedern sein müssen, die hier den ganzen Berg bedecken. Und da weiss ich, dass ich jetzt einen Lieblingsbaum habe.

Was als Stopp für eine Nacht gedacht war, wird zu einem mehrtägigen Aufenthalt. Unser Dachzelt bleibt auch bei anhaltendem Starkregen dicht, gemütlich und warm. Nur die Leiter versinkt immer tiefer im Matsch. Wir müssen sie mehrmals herausziehen und Steine unterlegen. Wenn der Regen nachlässt, streifen wir durch den Wald. Milo flitzt ausgelassen zwischen den Bäumen bergauf und bergab, Rosa und Stella backen aus Steinen, Gras und Moos Geburtstagskuchen. Ist der Regen stark, bleiben wir im Zelt, zeichnen und erzählen Geschichten oder retten uns für einen warmen Tee in die grosse, runde Jurte, in der sich das Restaurant des Kizildağ Nationalparks befindet.

Yunus und Ahmet besuchen uns auf dem Berg. Wir essen zusammen und genehmigen uns danach einen Raki in unserer Grasstube. Das ist bei der extrem restriktiven türkischen Alkoholpolitik schon fast ein revolutionärer Akt. Wobei – wie die beiden Männer uns kopfschüttelnd erzählen – gerade das stark muslimisch-konservative Konya den landesweit höchsten Pro-Kopf-Alkoholkonsum aufweist… Yunus führt uns bei strömendem Regen über den Wochenmarkt und hilft, die Kinderkleider auf einen vernünftigen Preis herunter zu märten, so dass wir Rosa und Stella nach dem Basar-Abenteuer wieder trocken einkleiden können. Und schliesslich lernen wir noch die Malerin Menekse kennen, Yunus’ Freundin und Verbündete im Einsatz für Strassenhunde und herrenlose Katzen, von denen es hier überall viel zu viele gibt.

Die Menschen hier, die kleine Stadt Şarkikaraağaç und ihr wunderbarer Nationalpark wachsen uns in diesen Tagen ans Herz. Wer hätte das gedacht? Wenn uns jemand nach fast drei Reisemonaten in diesem Land fragte: Wohin soll ich denn in der Türkei reisen? Dann würde ich jetzt antworten: Geh nach Şarkikaraağaç! Trink Kaffee bei Yunus und Ahmet. Und besuche die wunderbaren Zedern!

2 Kommentare zu „Şarkikaraağaç – Kaffekultur und ein Wald zum Verlieben

  1. Das nenne ich den richtigen Reisegroove! Und die Stadt Şarkikaraağaç möchte ich mir auch gerne einmal ansehen. Mersi, Dänu für den authentischen Bericht und mersi euch allen für die beeindruckenden Fotos! Lg M

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