Flucht in die Höhe

Wir fahren, nein, wir flüchten also ins Landesinnere. Nur weg vom Schwarzen Meer, weg von den Rinnsalen und Tümpeln rund um die Donau, weg von den Mücken und weg von dieser unerträglich drückenden, schwülen Hitze. Wir wollen in die Karpaten, aber so schnell geht das nicht. Aus ist es mit den Autobahnen. Hier in Rumänien gibt es fast nur Überlandstrassen – zweispurig, oft uneben und von Schlaglöchern durchsetzt. Wir versuchen uns mit schweren Lastwagen, waghalsigen Rasern und Pferdefuhrwerken zu arrangieren und kommen nur langsam vorwärts.

Endlich erreichen wir das Dorf Greci in den Munții Măcin, den Măcin-Bergen. Wobei Berge etwas übertrieben ist. Eigentlich sind es eher Hügel. Feucht und heiss ist es hier immer noch, und auch hier stechen die Mücken durch alle Kleider. Aber auf dem Zeltplatz Turtle Camp gibt es Obstbäume, die so übervoll sind, dass uns die Aprikosen und Mirabellen fast in den Teller fallen. Rosa ist von den beiden jungen Büseli und dem Gehege mit den Küken ganz hingerissen. Und wir treffen die Wasseringenieurin Sinika und ihren Mann Cosmin, der bei der rumänischen Gendarmerie für Bären und Roma zuständig ist. Die beiden machen hier mit ihren Töchtern Maria und Iuana Ferien. Die Kinder verstehen sich, und Cosmin versorgt uns schon ab dem frühen Nachmittag mit dem Zwetschgenschnaps seines Schwiegervaters und mit gespritzem Weisswein. So leicht angeschwipst finden wir endlich ein bisschen mehr in den Rhythmus dieses Landes. Cosmin instruiert uns in korrektem Verhalten bei Bärenbegegnungen, erklärt, wie der Abfall getrennt wird und welche Gegenden Rumäniens wir unbedingt besuchen müssen – seiner Empfehlung nach eigentlich alle.

Eine abenteuerliche Fähre bringt uns über die Donau, und dann beginnt die Strasse endlich zu steigen. Gegen Abend erreichen wir die Vulcanii noroioși, die Schlammvulkane von Berca. Auf einem flachen und beinahe kahlen Hügel, umgeben von Heide- und Weideland haben sich Miniaturvulkane aus Lehm gebildet. In ihren kleinen Krateröffnungen blubbert und brodelt eine graue Suppe. Es dampft und furzt und stinkt aus dem Boden, ab und zu schwappt ein Schlammschwall über den Rand und wälzt sich dann schwerfällig bergab. Rosa und Stella sind nur schwer davon abzuhalten, ihre Hände in den grauen Brei zu stecken.

Am Rand des Vulkanfeldes steht hinter rot-weissem Absperrband ein komplett heruntergekommenes Holzhaus. Das ehemalige Tourismuszentrum, oder das alte Restaurant, vermuten Daniel und ich, sicher ist es jetzt einsturzgefährdet und deshalb abgesperrt. Wir hatten uns ja schon auf arme Gegenden eingestellt. Aber gerade so? Die Hütte sieht aus, als wäre sie mindestens hundertfünfzig Jahre alt und erinnert eher an den Wilden Westen als an Osteuropa. Wir klappen auf dem Parkplatz neben den Schlammvulkanen unser Zelt auf. Auf einem riesigen Haufen sind Möbel, Hirschgeweihe, Werkzeug, Bärenfelle, Wagenräder und sogar ein Flügel aufgestapelt. Während wir noch rätseln, woher all das Zeug kommt, steht auf einmal ein Mann vor uns. Er ist Location-Manager und heisst Cristian. Gerade eben sind hier die Dreharbeiten zu einem neuen Westernfilm zu Ende gegangen. Jetzt müssen noch die Requisiten abtransportiert und das Holzhaus abgebaut werden!

Die Bäume stehen so dicht, dass man nur wenige Meter ins Dickicht hinein sehen kann. Die Schotterstrasse schlängelt sich den Berg hinauf, und als wir aus dem Wald heraus kommen, eröffnet sich vor uns ein endloses Emmental. Ohne Emme natürlich, dafür aber mit ungefähr fünf Schrattenfluhen in unterschiedlichen Himmelsrichtungen, unzähligen „Chrächen“ (berndeutsch für steile, enge Gräben bzw. Tobel), Weiden, Hügeln, Schafen, Kühen, Bauernhöfen, Wäldern. Irgendwie geht es mir zu schnell, dass jetzt schon wieder alles aussieht wie zuhause.

Als wir in den Garten der Villa Hermani in Magura fahren, stehen bereits zwei Fahrzeuge da. Der moderne silberne VW-Bus gehört einem älteren Paar aus Holland. Mit dem Land Rover Defender sind Julia und Tobi mit ihrer Tochter Hannah unterwegs. Es dauert keine Viertelstunde, da sind Rosa, Stella und Hannah im Hasengehege verschwunden, und für uns beginnen entspannte Tage. Herman, unser Gastgeber und gebürtiger Siebenbürger Sachse, empfängt seine Gäste mit überzeugender Herzlichkeit und erklärt in der ihm eigenen Seelenruhe, welche Wanderungen wir von hier aus unternehmen können. Mit unseren bayrischen Campingnachbarn steigen wir auf einem steilen, einsamen Pfad hinunter in die Schlucht. Als wir am Talgrund ankommen, staunen wir nicht schlecht. Da flanieren schon dutzende, ja hunderte Spaziergänger gemütlich den Waldweg auf und ab! Was man in Magura an einem Sommerwochenende auf keinen Fall erwarten darf: dass man alleine unterwegs ist. Zusammen mit Hannah und ihren Eltern geht das Laufen wie von selbst. Die Mädchen pflücken Walderdbeeren, streiten um den besten Wanderstock, versöhnen sich wieder und springen munter voraus.

Auf der Wanderung bekomme ich Lust, wieder einmal allein unterwegs zu sein – in meinem Tempo, nur mit meinen Schritten und dem Weg unter meinen Füssen. Die Zeit allein, die ist in den vergangenen Wochen zu kurz geraten. Und so mache ich mich zusammen mit dem Milobär auf den Weg von Magura nach Bran, zum Schloss, das Bram Stoker als Vorbild für seinen Vampirroman Dracula gedient hat. Der Weg führt hoch hinauf, über Weiden, durch dichten Wald und auf felsige Hügel. Der Pudel flitzt mit fliegenden Ohren durch die üppigen Blumenwiesen und ist am Ende so müde, dass ihn nicht einmal mehr die Rehe interessieren.

Im Schloss Bran können sich Kurzentschlossene gegen Covid impfen lassen. Mit dieser Offensive an beliebten Touristenzielen versucht die rumänische Regierung, ihre Impfkampagne in Schwung zu bringen. Den Mutigen, die sich hier impfen lassen, winkt eine besonders sinnige Belohnung: Sie dürfen kostenlos den Folterkeller besuchen. Für mich Grund genug, einen weiten Bogen ums Schloss Bran zu machen. Ein Taxi bringt mich zurück nach Magura. Und dann gibt es für alle ein schweizerisch-bayrisches Campingabendessen mit Kartoffelauflauf und köstlichem Kaiserschmarrn.

3 Kommentare zu „Flucht in die Höhe

  1. danke danke, wieder sehr interessant!
    speziell makaber: „Den Mutigen, die sich hier impfen lassen, winkt eine besonders sinnige Belohnung: Sie dürfen kostenlos den Folterkeller besuchen.“ hm, da würde ich auch einen weiten bogen drum machen…..
    alles gute auf der weiteren fahrt!

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