Honigberg

Zuerst ist es nur ein Punkt. Dann sind haarfeine Risse zu sehen. Und nach einigen Tagen zieht sich der Spalt in zwei Linien nach links und rechts unten über die Windschutzscheibe unseres Caddy. Irgendwo auf einer Landstrasse haben uns die Pneus des Lastwagens vor uns einen Stein entgegengeschleudert. Jetzt stehen wir im Garten des Pfarrhauses von Honigberg/Hărman und warten auf die Autoglasfirma. Es ist ein grosszügiger Garten mit Obstbäumen und ein paar hohen Tannen. Seit einigen Jahren betreibt die deutsche evangelische Kirchgemeinde hier neben der imposanten Kirchenburg einen kleinen, feinen Campingplatz – Camping Honigberg. Isabelle, die für Burg und Camping verantwortlich ist, hat uns herzlich empfangen und uns den Schlüssel zum grossen Tor des Pfarrhausgartens anvertraut.

Die Glaser lassen nicht auf sich warten, und es dauert keine halbe Stunde bis die jungen Männer die alte Scheibe entfernt und die neue montiert haben. Wir stellen das Zelt gerade noch rechtzeitig auf. Dann kommen mit heftigen Gewittern der Regen und die Abkühlung, auf die wir seit Tagen gewartet haben.

Rosa kann es kaum erwarten. Aufgeregt hüpft sie im Pfarrgarten auf und ab, bis sie endlich in die Grasstube – unser Heckzelt – kommen darf. Und dann feiern wir ihren vierten Geburtstag im allerkleinsten Kreis, aber mit vielen Ballons und einem Schokoladenkuchen aus dem Campingbackofen.

Ein Schloss hat sich Rosa zum Geburtstag gewünscht. Dracula wollten wir ihr nicht zumuten, aber eine Burg, das geht! Nach dem Geburtstagszvieri gehen wir hinüber zur Kirchenburg von Honigberg. Im Mittelalter – Siebenbürgen gehörte damals zum Königreich Ungarn – liessen sich hier viele deutsche Siedler nieder. Die Voraussetzungen waren gut: Sie fanden fruchtbares, gut zu bewirtschaftendes Land, und der ungarische König verlieh ihnen verschiedene Sonderrechte. Die neuen Gemeinden wurden rasch grösser und reicher. Doch den Überfällen durch die Mongolen waren die jungen Siebenbürger Sachsen schutzlos ausgeliefert. Um sich gegen weitere Angreifer zu wappnen, errichteten sie rund um ihre Kirchen Burgen, in die sie sie sich im Ernstfall zurückziehen konnten.

In Honigberg liegt die wohl schönste der rund 150 erhaltenen Kirchenburgen. Nur über eine Brücke gelangt man in die ringförmige Festung hinein. Wir erkunden das Innere der Mauer, die Vorratsräume und das kleine Museum – nein, ihr dürft nicht aufs Bett klettern! Die Siebenbürger Kirche wurde im 16. Jahrhundert Teil der Reformation und ist bis heute evangelisch. Gut für uns: In den Kirchenbänken liegen deutsche Gesangbücher auf, und Daniel und ich singen, bis Rosa findet, es sei jetzt genug, sie wolle auf den Turm. Über schwindelerregende Treppen klettern wir bis ganz oben. Nach diesem Burgabenteuer sind Rosa und Stella zum umfallen müde, und wir haben alle einen Bärenhunger. Zum Glück gibt es gleich hinter der Burgmauer eine Pizzeria.

Das Instrument steht da, in seine Einzelteile zerlegt, aber immer noch imposant. Alte, bemalte Holzteile lehnen an der Wand, eine Tastatur liegt auf dem Tisch und Metallpfeifen stehen nach ihrer Grösse geordnet in einem Holzkasten. Ein junger Mann klettert mit dem Meter im Orgelgerüst herum und passt konzentriert die fehlenden Teile ein.

1995 kamen die Zürcherin Barbara Dutli und der Orgelbaumeister Ferdinand Stemmer zum ersten Mal nach Rumänien. Von da an arbeiteten die beiden in ihrer Freizeit an der Restauration dreier alter Orgeln. Vier Jahre kamen sie im Sommer jeweils fünf, sechs Wochen lang zum Arbeiten – auch die Buchholzorgel in der schwarzen Kirche in Brașov brachten die beiden damals wieder zum Klingen. Die Idee einer ständigen Orgelwerskstatt in Rumänien entstand, und so eröffneten Barbara Dutli und Ferdinand Stemmer im Jahr 2003 mit Hilfe der Schweizer Stiftung SSOR die Orgelwerkstatt von Honigberg. Seit im zweiten Weltkrieg die letzte Orgelwerkstatt in Trümmer und Asche gelegt wurde, gab es in Rumänien keine solche mehr. Und in kommunistischer Zeit wurde der Beruf des Orgelbauers sogar aus dem Handelsregister gestrichen – wer keine Kirchen braucht, braucht auch keine Orgeln. Wegen der neu eröffneten Werkstatt musste die Berufsgattung wieder ins Handelsregister eingetragen werden. Seither werden hier die wertvollen, alten Orgeln restauriert, die bis heute in den vielen siebenbürgischen Kirchen stehen. Und hier erhalten junge Rumänen eine Berufsausbildung nach Schweizer Standard als Orgelbauer oder als Schreiner.

Vor Kurzem wurde die Werkstatt an langjährige Mitarbeiter übergeben. Jetzt wird der Betrieb unter rumänischer Leitung weitergeführt, und Barbara Dutli ist nur noch ab und zu vor Ort. Sie nimmt sich Zeit, führt uns durch alle Bereiche der Werkstatt und erzählt von den Herausforderungen und von den Highlights in der Betriebsgeschichte. Zum Schluss zeigt sie uns noch das Positiv – eine kleine, transportable Orgel. Wir verlieben uns augenblicklich in das herzlige Truckli. Wäre nur noch Platz im Caddy! Daniel setzt sich an die Tasten und spielt Der Mond ist aufgegangen. Der Klang ist derart vertraut und herzerwärmend, dass mich für einen Moment das Heimweh überschwemmt.

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