Begegnungen in Siebenbürgen

Ich stamme aus einem alten Siebenbürgener Ffahrersgeschlecht, sagt der riesige Mann an der Kirchentür bedeutungsvoll, mein Vater war LKW-Ffahrer, mein Bruder war Busffahrer, und ich bin evangelischer Ffahrer! So lernen wir Michael, unseren Pfarrkollegen in Cârța/Kertz, kennen. In aller Ruhe schauen wir die Kirche an – sie ist eigentlich das Chor der einst viel grösseren Klosterkirche, von der heute nur noch die Ruinen stehen. Dann machen wir uns gemütlich auf den Weg zurück zum Campingplatz. Schon nach wenigen Metern merken wir, dass wir nicht alleine unterwegs sind. Der lustige kleine Hund aus der Kirche begleitet uns. Als er nach einem Kilometer immer noch munter mit uns spaziert, ruft Daniel ins Pfarrhaus an. Er komme den Moritz mit dem Auto abholen, sagt Michael. Oder, wenn wir mögen, können wir ihn zurück bringen, dann serviere er uns Kaffee und ein Schnäpschen. Also laufen wir durchs Dorf zurück, Rosa mit Milobär und Moritz voraus.

Wenig später sitzen wir auf der Laube des Pfarrhauses und trinken den stärksten Zwetschgenschnaps unseres Lebens. Vierzig Grad ist Fieber. Schnaps beginnt bei fünfzig! Michael erzählt von den elf Dörfern, für die er inzwischen zuständig ist und dass er die älteren Gemeindemitglieder persönlich mit dem Kleinbus zum Gottesdienst abholt. Er erzählt von den jungen Eltern, die längst in Deutschland leben, aber ihre Kinder in Siebenbürgen taufen lassen. Und er erzählt von den Auswanderern, die in heimatlicher Erde begraben werden wollen. Er spaziert mit uns zum Hühnerstall und über all die Rasenflächen, Wiesen und Felder, die zum Pfarrhaus gehören und für deren Bewirtschaftung er und seine Frau auch noch  zuständig sind. Das läuft im Stellenbeschrieb unter praktische Theologie, meint er schmunzelnd. Den Humor hat Michael bei allen seinen Aufgaben gottlob nicht verloren.

Bis jetzt sind wir auf unserer Reise kaum eine Strecke zurück gefahren – eigentlich ging es immer vorwärts. Doch für Pesche machen wir eine Ausnahme. In Sighișoara besuchte er uns bei unserem Zelt zusammen mit Anita und Felix, alles Schweizer, die seit vielen Jahren in Rumänien leben. Ein kurzweiliger Abend wars, und irgendwie war er auch zu kurz. Gerne hätten wir mehr von Pesche und seine Arbeit mit den rumänischen Kindern gehört. Wir fahren also nach Șaroș pe Târnave/Scharosch an der Kokel. Pesche öffnet das Tor zu seinem Hof weit und begrüsst uns in lupenreinem Thuner Dialekt.

Bei Spaghetti an einer ausgezeichneten Sauce Bolognaise erzählt der gelernte Bäcker, wie er vor über zwanzig Jahren nach Rumänien kam, um eine mobile Bäckerei aufzubauen. Rasch wurde ihm aber klar, dass seine eigentliche Aufgabe hier in der Unterstützung und Förderung unterprivilegierter Kinder liegt. Nach Zusatzausbildungen in Pädagogik und Sozialarbeit baute er in seinen ersten Jahren in Rumänien einen Kindergarten auf, zu dem auch Roma-Kinder Zugang haben. Inzwischen gestaltet er in seinem Dorf Scharosch ein vielseitiges Freizeit- und Bildungsangebot. Was die Kinder bei Pesche erleben, mag in den meisten Schweizer Familien selbstverständlich sein; für viele Kinder hier ist es eine Sensation: Zeichnen mit Papier und Farbstiften, gemeinsam Singen, Puzzles zusammensetzen, Theäterle, Scherenschnitte machen, Zopfteigtierli backen… Vor allem aber versucht Pesche, die Roma-Kinder mit jenen aus sesshaften Familien zusammen zu bringen und so Brücken über die tiefe Kluft zwischen den verschiedenen Lebensformen zu schlagen. Wir können über sein unermüdliches Engagement nur staunen.

Wir verbringen eine ruhige Dachzeltnacht im Hof. Nach einem reichhaltigen Zmorge heisst es wieder Aufbrechen: Für uns geht die Reise langsam in Richtung Süden weiter. Pesche macht sich auf den Weg durchs Dorf, um die Kinder zum Ferien-Tagescamp einzuladen.

Als wir in ihre Strasse einbiegen, warten Ema und Oli schon vor dem Haus. Sie sehen uns, rennen hinein und rufen laut: Sie kommen, sie kommen! Bianca, Sorin und die beiden Kinder waren auf dem Campingplatz von Cârța/Kertz unsere Nachbarn. Nach anfänglicher schüchterner Zurückhaltung freundeten sich die Kinder an, und wir kamen mit Bianca und Sorin ins Gespräch. Sie luden uns zu sich nach Hause ein, und da sind wir jetzt: in Cisnădie/Heltau, einem hübschen Dorf direkt neben Sibiu/Hermansstadt. So viele Spielsachen! Eine Küche zum Köcherlen, Puppenwagen, Playmobil, Lego… Alles Dinge, die nicht in unsere Kisten passen. Rosa und Stella können ihr Glück fast nicht fassen. Bianca hat einen wunderbaren Beerenkuchen gebacken und stellt hausgemachte Zitronenlimonade auf. Wir lassen uns gerne verwöhnen. Sorin zeigt uns seine hauseigene Imkerei, die vollen Waben, und die Kinder schlecken sich den Honig aus der Zentrifuge von den Fingern. Der Akazien- und Sonnenblumenhonig ist viel sanfter und zarter als der wilde Thymianhonig, den wir von Kreta kennen. Landschaft, Pflanzen, Menschen und Honig müssen zusammen passen, wird mir einmal mehr klar.

Irgendwann sind die Kinder im Bett bzw. im Zelt, und wir lassen den Abend draussen auf dem Balkon ausklingen. Anstrengend seien die letzten Monate gewesen, erzählen unsere Gastgeber. In der Nachbarschaft leben kaum andere Kinder, und seit Corona sei es erst recht schwierig, mit anderen Familien in Kontakt zu kommen. Vergangenen Sommer begann für Ema der Kindergarten, doch schon nach wenigen Wochen wurde er wieder geschlossen. Als Ersatz wurden täglich mehrere Stunden Online-Unterricht angeboten – was für ein Irrsinn in diesem Alter! Die Cafés waren geschlossen, die Spielplätze blieben leer. Jemanden einladen? Ein heikles Unterfangen: Viele Bekannte lehnen ab, finden die Idee gar unverantwortlich. Ein Treffen draussen? Wir würden ja gerne aber… Ebenso wie für viele, viele andere Menschen auf der Welt waren die vergangenen Monate für Bianca, Sorin, Ema und Oli oft eine sehr einsame Zeit. Umso mehr geniessen wir diesen Abend miteinander – ungezwungen, unbeschwert und frei.

2 Kommentare zu „Begegnungen in Siebenbürgen

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